Schluesselkinder


Seit Beginn dieses Schuljahres kommen die Maedchen vor mir nach Hause. Sie sperren die Tuer mit dem eigenen Schluessel auf, waermen sich das Essen, das ich fuer sie im Kuehlschrank lasse und idealerweise machen sie sich danach an die Hausaufgaben. In der Realitaet schalten sie stattdessen den Fernseher ein. Das ist aber halb so schlimm, seit mein Mann alle bedenklichen Kanaele blockiert hat, so dass sie nur die Wahl zwischen einem anspruchslosen Kleinkinderprogramm und National Geographic haben.

Gestern endete der Unterricht wegen Purim schon frueher als sonst. Ich brachte die beiden und die beste Freundin der Grossen nach Hause und kehrte wieder ins Buero zurueck. Eine Stunde spaeter klingelte das Handy: Die Kleine weinte mir etwas vor, dass die Grosse und die beste Freundin nicht nett zu ihr seien. Ich bat die Grosse ans Telefon und sagte ihr, dass die Freundin nur solange bei uns willkommen ist, als kein Streit entsteht. Entweder sie versoehnten sich gleich wieder oder ich muesste der Mutter der Freundin Bescheid geben. Eine halbe Stunde spaeter rief ich an, um mir den weiteren Verlauf berichten zu lassen, aber niemand nahm den Hoerer ab. Ich zaehlte die Minuteten bis zum Ende meines Arbeitstages und stuermte zum Auto. Als ich um die Ecke auf den Parkplatz bog, sah ich die Grosse und die Freundin miteinander flanieren. Fenster auf und gleich gebruellt: „Ich habe dir gesagt, dass du die Kleine nicht allein lassen darfst!“ Die Grosse erklaerte, sie waeren im Park gewesen und dann habe die Freundin auf’s Klo gemusst. Ich parkte und ging dann hinter den beiden zum Park. Die Grosse und ihre Freundin riefen nach der Kleinen und waren bleich im Gesicht, als ich sie erreichte. Im Park war niemand, die Kleine nicht zu sehen. Ich wurde auch blass und fing an zu rufen. Bevor ich ganz in Panik geriet, tauchte die Kleine wieder auf. Sie hatte sich Sorgen gemacht, weil ihre Schwester so lang wegblieb und wollte sie suchen gehen…

Ich brachte die Kleine zum Ballett, die Grosse und ihre Freundin durften noch einmal in den Park, nachdem sie das allergroesste Durcheinander, das sie in der Wohnung veranstaltet hatten, aufgeraeumt hatten und das Handy eingepackt hatten. Schon auf dem Rueckweg rief ich die Grosse auf eben diesem Handy an, sie solle sich fuer ihren Ballettunterricht parat machen. Am anderen Ende weinte es, sie habe den Schluessel verloren, koenne gar nicht ins Haus. Ich wies sie an, neben der Tuer auf mich zu warten, ich waere gleich da. Als ich wieder um die Ecke auf den Parkplatz bog, sah ich die Grosse und ihre Freundin schon wieder in Richtung Park laufen. Sie wollten den Schluesel suchen. Meine Anweisung, neben dem Eingang auf mich zu warten, war offensichtlich bei einem Ohr rein und beim anderen rausgegangen… Als ich die Grosse zu ihrem Ballettunterricht gebracht hatte, ging ich selber zum Park, um den Schluessel zu suchen. Die Mutter der Freundin rief hinter mir her: Der Schluessel war schon gefunden, die Freundin brachte ihn mir.

Am Abend hatten wir ein ernstes Gespraech. Die Grosse war sehr geknickt, die Kleine versuchte, alle Schuld selber zu uebernehmen. Mein Mann war nachtraeglich entsetzt beim Gedanken, was alles haette passieren koennen. Folgende Beschluesse wurden gefasst:
Freundinnen koennen nur zu Besuch kommen, wenn ein Erwachsener zu Hause ist.
Das Verbot, ein Maedchen allein zu lassen, ganz egal wo, wurde noch einmal verstaerkt.
Die Grosse soll eine Liste erarbeiten, was konkret ihre Verantwortung ist.
Fuer die Pessachferien muss eine Betreuung gefunden werden.

Die Liste wurde in Teamarbeit der beiden Schwestern verfasst. Sie wurde so gut, dass mein Mann sie kopieren und in beiden Maedchenzimmern aufhaengen will.

Mir waere wohler, ich koennte jeweils zu Hause sein und die Maedchen nach der Schule in Empfang nehmen. Wer weiss, wenn die Wirtschaftskrise so weitermacht, ist meine Firma vielleicht noch froh, wenn sie mir nur Teilzeit bezahlen muessen.

2 Antworten

  1. Ich weiß, es ist ein herzloser Kommentar, aber wenn ich so etwas lese, gratuliere ich mir dazu, dass ich das alles hinter mir habe und meine Kleinen erwachsen sind. 😀

  2. Puh!
    Kinder. Aber könnte das alles nicht auch dann geschehen, wenn die Mutter auf Erwerbstätigkeit verzichtet? Ich kenne da eine, die könnte ein Liedlein singen. Ein Längeres. Es haben alle überlebt🙂

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