ein paar Gedanken zu „Verrat“ und zum Umgang mit „Verraetern“


Wenn ich nichts schreibe, so lese ich doch und so habe ich die sich verzweigende Diskussion darum, was ‚anti-deutsch‘ sei, verfolgt. Spass macht mir das wenig. Fast alle der Protagonisten befinden sich auf meiner Blogroll und kommentieren auch hier. Mein Instinkt ist eigentlich zu vermitteln. Aber ich bremse mich zumindest ein bisschen, weil ich weiss, dass Einmischung selten positiv erlebt wird und der moechte-gern-Versoehner allzuoft alle Parteien gegen sich selbst aufbringt.

Ich halte mich daher an ein Fragment, das mich zum Nachdenken gebracht hat. Mir scheint, der „Anti-deutsche“ verhaelt sich zu den Deutschen wie der „Alibijude“ aus meiner Serie oder der „Jewish Antisemite“, wie Yaacov Lozowick diesselben Personen nennt, zu den Juden.

Feindseligkeit, Hass gegenueber dem Kollektiv, zu dem man selbst gehoert, hat natuerlich einiges mit Selbsthass zu tun, aber das interessiert mich im Moment weniger. Aus Sicht des Kollektivs begeht ein solches Mitglied Verrat am gemeinsamen Kollektiv. Die Grenzen zwischen legitimen politischen und kulturellen Meinungsverschiedenheiten und Verrat, sind nicht leicht zu ziehen, aber unmoeglich ist das nicht. Wir koennen uns bestimmt darauf einigen, dass Verrat dann vorliegt, wenn dem eigenen Kollektiv der Untergang gewuenscht wird, so wie z.B. Jeff Halper vom Ende Israels als juedischem Staat traeumt.

In der juedischen Geschichte wimmelt es von Verraetern. Ich habe die Zahlen nicht im Kopf und finde sie auf die Schnelle nicht. Das Argument geht so, dass es bereits in der Antike so und soviele Millionen Juden gab. Nach den normalen demographischen Hochrechnungen muesste es deswegen heute so und soviele Milliarden geben. Tatsaechlich blieben und bleiben immer nur Minderheiten dem juedischen Kollektiv erhalten. Das soll schon beim Auszug aus Aegypten so gewesen sein, wo eine Mehrheit der Juden sich dafuer entschied, in Aegypten zu bleiben, und bei der Rueckkehr aus dem babylonischen Exil wird diese Tatsache im historischen Gedaechtnis des Judentums ausdruecklich und bitter festgehalten.

Die spanische Inquisition hatte juedische Zutraeger und wenn mich meine Erinnerung nicht taeuscht, auch mindestens einen Inquisitor juedischer Herkunft. Joshua dei Cantori konvertierte zum Christentum und war fuehrend an der Talmudverbrennung in Italien beteiligt. Und so weiter und so weiter durch alle Zeiten, Verfolgungen bis heute.

Natuerlich gibt es starke Reaktionen gegen „Verraeter“ auch im Judentum und in Israel. „Din Rodef“ ist eine der Regelungen, die dafuer in Frage kaemen: Sie bezieht sich auf die Verpflichtung eines Dritten in einem Notwehrfall gegen den Taeter vorzugehen. Die Problematik ist aber offensichtlich, wenn wir an die Ermordung Rabins denken.

In den Jahren des Olsoprozesses bis hin zur Wahl Ariel Sharons im Januar 2001 war Israel traumatisch tief gespalten. Fuer fast jeden war jeweils mindestens ein Drittel der Bevoelkerung bewusste Verraeter oder dummes Herdenvieh, die nicht durchschauten, dass Israels Untergang heraufbeschworen wurde. Die Auseinandersetzung wurde sehr hitzig gefuehrt und das Niveau der gegenseitigen Daemonisierung war so hoch, dass verschiedentlich die Gefahr eines Buergerkriegs beschworen wurde.

Und trotzdem …
Gideon Levy ist eindeutig ein Alibijude und seine Texte sind Munition fuer unsere Feinde. So beschreibt ihn Yaacov Lozowick:

So why does Levy say it does? Because he himself is a man fuelled by hatred.

He’s a talented writer; language is his primary tool and he wields it well. He hates the society he lives in. He hates us. The venom he uses to talk about us really is frightening, because he’s a man consumed by hatred. Since that’s who he is, he see us as he himself is: as hate consumed monsters. I doubt Levy would ever use violence on anyone, but the ability to restrain your potential for physical violence doesn’t mean the hatred that consumes you is also restrained. With Levy, it isn’t; on the contrary. Precisely because he isn’t a physically violent man, but he is consumed by hatred, he imagines all the rest of us are as sick as he is.

We aren’t.But he is so consumed he cannot see this any longer.

Und trotzdem erklaert Lozowick nur ein paar Tage frueher, warum er Levy nicht als Verraeter und Feind sieht:

Yet I can live with Gideon Levy. One significant difference between him and our foreign critics is that he’s here. When Palestinian terrorists were blowing themselves up in Tel Aviv, before we figured out how to block them, his life was in the same danger the rest of our lives were in, as Peter Beaumont’s life isn’t. The second difference is that he’s criticizing his own county, not someone else’s. Anyone who knows how to read between the lines knows that the American and British forces fighting their just wars in Afghanistan and Iraq are less scrupulous than the Israelis when it comes to trying not to hit civilians, yet to the best of my knowledge no-one in any major media outlet in either country does what Levy does. The Guardian screeches about Israeli war crimes, factual or other, but never treats its own forces to a similar level of scrutiny. They’re not only antisemites, they’re also hypocrites, an accusation that can’t be leveled at Levy. Third, since Levy is an Israeli, he has the right to hold his own society up to a higher standard, even one so high as to be cruel and unreasonable. It’s his society he making his demands from, not someone else’s.

He’s wrong of course, in his interpretations, and not always accurate in his factual depictions, but he’s a sign of our democratic strength, and I can live with him.

Die hasserfuellten Verleumdungen koennen also toleriert werden, nicht obwohl sondern weil derjenige, der sie aeussert, zum selben Kollektiv gehoert. Dass das Kollektiv ihn dulden kann, beweist dessen Staerke!

Hier habe ich ein Echo in einem palaestinensischen Blog gefunden:

However, Israel has her own internal critics, the many Gideon Levy’s and Amira Hass’s, while we Palestinians never seem to have enough Sari Nusseibi’s and ….umm.. who else do we
have?

(…)

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