Armut in Israel III


Jeden Monat fahre ich zusammen mit einem Kollegen Lebensmittelpakete aus. Die Empfaenger sind Familien, die von den zustaendigen Sozialarbeiterinnen als beduerftig eingestuft werden. Der Verteiler ist eine gemeinnuetzige Organisation, wie so viele von orthodoxen Juden gegruendet und betrieben. Die Lebensmittel werden gespendet. Zum einen von den Herstellern selber, auch der Grosshandel gibt wohl gelegentlich Palletten mit abgelaufenem Datum ab. Ausserdem stehen grosse Sammelbehaelter an den Ausgaengen von vielen Supermaerkten. Die Einkaufenden koennen, wenn sie ihre Einkaufstueten schleppen, an diejenigen denken, denen es schlechter geht und etwas in den Sammelbehaelter tun. Das funktioniert vor allem vor den Festen nicht schlecht. Bei meinem Einkauf gestern abend, war der Behaelter schon ziemlich voll mit Matzen, Matzenmehl und anderen Pessach-tauglichen Lebensmitteln.

Heute haben wir nicht unsere normale Liste beliefert, sondern erhielten eine andere.

Bei der ersten Adresse waren nur die Kinder zuhause, ein etwa 11jaehriges Maedchen und drei Buben, der kleinste vielleicht 5 Jahre alt. Sie konnten die Tuer nicht aufmachen, weil sie eingeschlossen waren und keinen Schluessel hatten. Dabei wirkten sie ueberhaupt nicht veraengstigt oder eingeschuechtert. Anscheinend ist es nicht das erste Mal, dass sie eingesperrt zu Hause sind. Durch das vergitterte Wohnzimmerfenster konnte ich die Kinder sehen und ihnen das Pessachpaket zeigen, bevor mein Kollege es bei den Nachbarn hinterlegte. Am Ende der Route rief ich bei der Organisation an, erzaehlte den Vorfall und schlug vor, die Sozialarbeiterin zu unterrichten. Falls – chas wechalil (Redensart wie unberufen, was Gott verhuete!) – Feuer ausbrechen sollte, haetten die Kinder keinen Fluchtweg offen. Inzwischen habe ich mit der Sozialarbeiterin gesprochen. Ich regte an, dass sie mit der Mutter ein freundliches Gespraech fuehren solle, mein Eindruck ist, dass die Kinder gut versorgt werden. Wahrscheinlich handelt es sich nur um Mangel an Vorstellungskraft und Weitsicht.

Die zweite Familie machte einen guten Eindruck, saubere und gemuetliche Wohnung, zwei Kinder, die Mutter zuhause. Vermutlich kommen sie einigermassen ueber die Runden, nur bei den Extraausgaben fuer die Feiertage brauchen sie Hilfe.

Die dritte Familie kenne ich. Der Mann hat Frau und drei kleine Kinder sitzen lassen. Sie hat ein kleines Nagelstudio eroeffnet und versucht, sich und die Kinder so durchzubringen, aber ein bisschen Hilfe ist sicher willkommen.

Bei der naechsten Adresse war niemand zuhause. Wir riefen ueber Handy an und die Frau bat uns, das Paket zu ihren Eltern in der uebernaechsten Strasse zu bringen. Als wir unterwegs um Auskunft baten, stellte sich der Mann am Gartentor als der Onkel vor. Offensichtlich wohnt hier eine grosse und eng zusammenhaltende Familie mehr oder weniger zusammen. Das Viertel gilt als das zweitschlechteste von Beer Sheva, die Haeuser und Wohnungen sind eher alt und heruntergekommen, aber Armut im Stil von Charles Dickens ist das nicht.

Die sahen wir bei unserer naechsten Adresse. Eine alte Frau mit Gehstock wartete auf uns auf einem verlotterten Sofa neben der Tuer. In ihrem Unterleib hat sie eine Geschwulst gross wie ein Fussball. Man roch, dass sie sich schon laenger nicht oder nur oberflaechlich gewaschen hatte. Sie erzaehlte, ihr Mann sei gelaehmt und laege im Schlafzimmer. Gesehen haben wir ihn nicht.

Die Familie bei der letzten Adresse konnte ich nicht recht einordnen. Nach meiner Liste handelte es sich um eine alleinerziehende Mutter. Wir klingelten und warteten ziemlich lange. Mein Kollege fing schon an, nach Nachbarn zu suchen, denen wir das Paket zur Aufbewahrung geben koennten, da ging die Tuer doch auf. Ein etwa 60-jaehriger Mann, gesund und kraeftig kam aus der Tuer und zog sie gleich hinter sich zu. Ich konnte aber noch eine junge Frau erspaehen. Er sagte mir, sein Sohn schlafe und legte den Finger an den Mund. Ich erklaerte ihm, dass wir ein Paket fuer Julia haetten. Da bedeutete er der jungen Frau zu kommen und die Liste abzuzeichnen. Sie ist eigentlich noch ein Maedchen, hoechstens 20 Jahre alt. Ich bin nicht sicher, ob der Mann ihr Vater ist. Hoffentlich! Ich wuerde ihr nicht wuenschen, dass sie sich von einem so viel aelteren Liebhaber herumkommandieren laesst. Ob der Sohn ihr Baby ist oder Julias Bruder, ein junger Mann, konnte ich auch nicht erkennen.

Wieder im Buero hatte ich das Beduerfnis, erst einmal gruendlich die Haende zu waschen.

3 Antworten

  1. „Wieder im Buero hatte ich das Beduerfnis, erst einmal gruendlich die Haende zu waschen.“

    Psst! Womöglich liest das Zentrum für Antisemitismusforschung hier mit, das bekanntlich stets auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern ist. Wenn die so etwas lesen, erfinden sie flugs die „Pauperophobie“.

    Und dann zieht das Kreise. „Pauperophobie“ wird als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ klassifiziert., der DLF macht ein dreistündiges Special zu „Pauperophobie in Israel“ (Moderation: Bettina Marx), katholische Bischöfe melden sich zu Wort („Wir sind erschüttert, dass gerade die Juden, die doch besser wissen müssten,dass …; wir sind keine Antisemiten, aber man wird doch wohl noch sagen dürfen, dass…“). Die arabische Liga besteht auf einer Sondersitzug des Weltsicherheitsrates, weil Du den Islam beleidigt hast (Das geht so: Da Juden definitionsgemäß reich sind, müssen die von Dir besuchten Armen Moslems gewesen sein; und die hast Du tödlich beleidigt). Da Du, also Israel, also der Westen, den Islam geschmäht hast, geht Neukölln-Nord in Flammen auf.

    Wasch dich also lieber nicht!

  2. Doch waschen darf ich mich natuerlich schon, nur sollte ich es nicht erwaehnen.

    Manfred, was ich heute gesehen habe, war noch viel schlimmer! Ich muss mir etwas einfallen lassen. Es ist unmoeglich in derselben Stadt zu leben und nichts gegen solche menschenunwuerdigen Zustaende zu unternehmen.

  3. Falls ich es extra erwaehnen muss: Kein einziger der Klienten ist Muslim. Es handelt sich ueberwiegend um Altersarmut oder die Armut von Alleinerziehenden. Bestimmt gibt es auch alte, arme Beduinen, aber die leben nicht in der Stadt. Und wenn es alleinerziehende Beduininnen in der Stadt gibt, dann sind sie wahrscheinlich vor der Sippe geflohen und werden ihre Adresse nicht dem Sozialamt mitteilen!

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: