Armut in Israel IV


Auf Bitte der gemeinnuetzigen Organisation, fuer die wir am Donnerstag Lebensmittelpakete ausgeliefert haben, haben mein Kollege und ich auch heute Lebensmittel verteilt, insgesamt an sechs Familien. Zwei davon haben wir nicht zuhause angetroffen. Zwei Wohnungen machten soweit einen passablen Eindruck und die Menschen auch, die das Paket entgegen nahmen.

Eine alte Frau begann zu weinen. Ihr Mann war vor drei Wochen gestorben und jetzt muss sie Pessach ohne ihn feiern. Ich konnte mich nur muehsam mit ihr unterhalten. Sie spricht Rumaenisch, Russisch und Jiddish. Ich habe versucht, meinem Schweizerdeutsch einen jiddischen Klang zu verleihen. Es muss jemanden geben, der ihr hilft. Die Wohnung war zwar schaebig, aber in einem bewohnbaren Zustand und mit ihrer Gehbehinderung kann sie das kaum selber machen.

Am schlimmsten hat es ein alter Mann. Seine Wohnung ist leer. Der Herd in der Kueche ist wohl schon lange nicht mehr ans Gas angeschlossen und vollkommen verrostet. Ein altes Bettgestell mit Polstern, die wohl von einem ausrangierten Sofa stammen, ein paar Decken und ein kleiner Plastiktisch waren alle Moebel, die ich sehen konnte. Mich schaudert bei dem Gedanken, wie der Mann die kalten Naechte im Winter uebersteht. Lauter leere Plastiktueten liegen auf dem Boden der Kueche. Ich stelle mir vor, dass er mit ihnen neben Muelleimern nach Essbaren sucht oder auch die weggeworfenen, halbfaulen Fruechte beim Gemuesehaendler.

Vielleicht habe ich waehrend der Halbfeiertage an Pessach etwas Zeit. Ich muss arbeiten (zuviele Urlaubstage gingen im Krieg drauf) und mein Mann und die Maedchen bleiben im Norden, wenn es meiner Schwiegermutter nicht zuviel wird. Dann kann ich den Mann besuchen kommen, bei ihm sauber machen und vielleicht ein paar Sachen bringen. Einen alten Teppich und zwei ausrangierte, aber solide Stuehle habe ich im Keller. Ich kann auch mal bei den Nachbarn und Bekannten herumfragen, ob jemand eine Matraze und/oder einen Tisch uebrig hat.

Update (27/11/12): Gerade bin ich ueber diesen Artikel gestolpert, der mich an meine eigene Erfahrung erinnerte. Ich kam nach meinem Erlebnis vor fast vier Jahren ins Buero zurueck und begann schon, eine Moebelsammlung und Putzaktion zu organisieren. Die Dame der Personalabteilung sicherte mir ihre Unterstuetzung zu. Dann hatte ich die schlaue Idee, erst einmal bei der Sozialbehoerde Erkundigungen einzuziehen. Ich bekam die zustaendige Sozialarbeiterin schnell ans Telefon. Sie erklaerte mir, dass der betreffende Mann nicht finanziell arm sei. Offensichtlich hat er ein sehr schweres Schicksal erlitten (Holocaustandeutung), und haelt es nicht aus, in komfortableren Umstaenden zu leben. Aehnliche Versuche, wie ich plante, seien schon gemacht worden und in Kuerze habe der Mann wieder die alten Zustaende hergestellt.

Auch die Frau, um die es in diesem Artikel geht, hat wohl das Beduerfnis in menschenunwuerdigen Umstaenden zu leben. Vielleicht waere ihr Schuldgefuehl, den Holocaust ueberlebt zu haben, unertraeglich, wenn es ihr besser ginge. Die Faekalien und der Urin verteilen sich ja nicht von allein ueber die gesamte Wohnung, das verraet einen gewissen Aufwand. Aus der inneren Hoelle, in der diese Menschen existieren, koennen wohlmeinende Aussenstehende wie ich oder dieser Student sie nicht befreien.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: