Shoagedenktag


Noch vor Pessach hatten wir bemerkt, dass der naechste Shiur (gemeinsames Studieren von juedisch-religioesen Texten) auf den Abend des Shoagedenktags fallen wuerde. Mit Mehrheit entschieden wir uns dafuer, dass wir uns treffen und baten den Rabbi, ob er passende Texte vorbereiten koennte. Leider gelang es mir nicht, eine Babysitterin zu organisieren, so musste mein Mann zu Hause bleiben.

Das gemeinsame Lernen erlebte ich als bisher die beste Art fuer mich, den Abend des Gedenktags zu verbringen, vielleicht gerade weil es keine Antworten geben kann. Vielleicht kann ich morgen etwas zu den Texten und meinen Gedanken schreiben.

Ich war schon im Shiur, als mein Handy klingelte, die Grosse war hysterisch, weil sie ihre schwarze Gymnastikhose nicht fand. Die brauchte sie fuer den kommenden Tag, weil ihre Klasse die Gedenkfeier in der Schule gestaltet und die Kinder schwarz gekleidet kommen sollten. Eigentlich war die Feier auf 9:45 angesetzt, so dass sie die Sirene umrahmt haette. Aber heute ist es so heiss, dass die Direktorin sie vorverlegte. Kaum war ich im Buero, erhielt ich die Nachricht, das sie in einer Viertelstunde beginnen wuerde. Ich nahm mir nur die Zeit, meinem Chef zu erklaeren, wohin ich verschwinde. „Gut so“, meinte er, es sei wichtig, dass die Kinder sich erinnern. Ich wandte ein, dass die Grosse sich vermutlich vor allem an ihre Tanzdarbietung erinnern wird. Aber er meinte, das spiele keine Rolle.

Als ich in den Schulhof kam, erschrak ich. Die Kinder hatten auf ihre schwarzen Kleider den gelben Judenstern geklebt.


(schlechtes Photo, ich weiss)

Im ersten Moment hatte ich den Instinkt, mich bei der Direktorin zu beschweren. Nach etwas Nachdenken erkannte ich meine Reaktion als falsch. Der gelbe Stern war fuer mich ein Signal von Lebensgefahr und meine Kinder will ich natuerlich von allem fernhalten, was in diese Richtung gehen koennte. Dabei sind sie natuerlich staendig in latenter Gefahr, weil sie Juedinnen und Israelinnen sind, wie ich spaetestens waehrend der Bombenalarme im Januar realisieren musste. Vom Realisieren bis zum Verinnerlichen ist es aber noch ein weiter Weg, vermutlich werde ich das nie verinnerlichen koennen. Ich erinnere mich an ein Gespraech mit einer Freundin und meinem ersten Mann kurz vor unserer Hochzeit. Sie meinte, dass juedische Kinder auf die Welt bringen bedeute, die Kinder zu gefaehrden. Haben wir allen unseren Kinder eine schwere Last auferlegt, indem wir sie als Juden (wie auch immer definiert) erziehen? Kann der Reichtum des Judentums das ausgleichen oder gar ueberwiegen? Ich kann die Fragen nicht beantworten.

4 Antworten

  1. Seltsame Logik, welche die Bekannte da geaesserst hat. Haette ich ganz gern zurueck gefragt, ob sie sich persoenlich besser fuehlt, wenn es weniger Juden gibt, weil doch dann nicht mehr so viele Menschen gefaehrtet sind. Oder ob es bei vollstaendiger Assimilation zumindest einen Fensterplatz im nächsten Abtransport geben würde.

  2. Danach hat sich unsere Freundschaft auch deutlich abgekuehlt.

  3. Beer7, du hast dir doch bereits schon selbst die Antwort in deinem thread zu yom haShoa auf deine Zweifel gegeben.

    Kinder und sie zu lieben sind das schönste Geschenk, das es auf der Erde gibt.

    Auch das hab ich aus deinem Bericht zu yom haShoa heraus gelesen – danke für dieses strahlende Licht der Hoffnung in der Dunkelheit dieses Tages.

  4. Carl,

    da hast Du natuerlich Recht, aber das war nicht die Frage. Ich haette es auch einrichten koennen, dass meine Kinder nicht juedisch und nicht israelisch gewesen waeren. Aber die Antwort auf diese Frage ist natuerlich auch klar. Wenn ich fuer mich selber einen solchen Reichtum im Judentum sehe und Israel liebe, dann will ich natuerlich das natuerlich auch fuer die Kinder. Sie gehen ja vor allem deshalb in diese Schule, damit sie von frueh auf den Zugang haben. Ich bedauere immer wieder, dass mir das fehlt.

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