Geschichte eines Lakens oder Ode an meine Mutter


Vor vielen Jahren empfand meine Mutter, dass sie mit Haushalt und Kindern (sieben insgesamt) nicht mehr voll ausgelastet war, weil die Aelteren schon in verschiedenen Staedten studierten. Sie suchte sich sinnvolle Beschaeftigung.

Zunaechst half sie in der Leihbuecherei aus und gehoerte bald zum Team. Dann gruendete sie mit anderen Frauen eine Floetengruppe. Zur Adventszeit gaben sie kleine Konzerte im Altenheim. Dort kam ihr noch ein Gedanke: Sie bot im Altenheim den Leuten regelmaessig ihre Naehkuenste an. Reissverschluesse mussten ausgetauscht, Roecke enger gemacht, Hosen gekuerzt werden. Als die Heimleitung langsam auf Leintuecher mit Gummizug umstieg, war es naheliegend, die aussortierten Laken der fleissigen Naeherin anzubieten. Meine Mutter nahm den Stapel  Leintuecher dankend entgegen und brachte sie nach Hause. Dann ueberlegte sie, wofuer die Leintuecher gut sein koennten. 

Schliesslich fielen ihr Transparente ein. Da die Chancen, dass sie an einer Demonstration teilnehmen wuerde, doch ziemlich klein waren, verteilte sie die Laken an ihre studierenden Kinder. Auch ich bekam ein paar davon.

Die begleiteten mich, von Muenchen nach Bern und wieder zurueck, dann nach Jerusalem, schliesslich Beer Sheva und auch in die Wohnung, die wir fuer unsere Familie kauften. Die Laken dienten als Waende und Tueren bei diversen Laubhuetten,  deckten bei Kindergeburtstagen schon mal den Teppich, dienten zum Verkleiden und fuer Zelte, die um das Etagenbett errichtet wurden. Sie haben sich ihre Miete redlich verdient. Nur zu Demonstrationen gelangten sie nie.

Als ich gestern nacht mit einer Gruppe Eltern ueber die geplante, kleine Demonstration nachdachte, meinte eine Frau, dass wir Schilder braeuchten. Aber niemand hatte grosse Stuecke Pappe im Haus. Da lehnte ich mich im Stuhl zurueck und bot an, ein Leintuch zu beschriften. „Schade um das Leintuch“, rief die Frau sofort. Ich laechelte souveraen und verkuendete, dass ich zu den Leuten gehoere, die fuer solche Zwecke immer ein altes Laken aufbewahren. Eine andere Frau gab mir noch die Fingerfarben auf den Weg.

So kam ich gegen Mitternach nach Hause, wo alles schlief. Das Laken konnte ich gleich greifen, ohne die Grosse zu wecken, es war naemlich in einer Schublade unter ihrem Bett. Ich breitete es auf dem Kuechenboden aus und machte mich an die Arbeit. Paralell backte ich Pizza, damit am naechsten Tag auch etwas zu essen im Haus waere. Pizza und Transparent gelangen gut. Am Morgen stand ich frueh auf. Die Farben auf dem Laken waren getrocknet. Jetzt musste ich noch den Kuechenboden waschen, bevor mein Mann den Herzkasper bekommt, weil er immer davon ausgeht, dass Farbflecken nicht entfernt werden koennen.

Die Maedchen hoerten mich rumoren und standen auch gleich auf. Die Aussicht auf eine „echte“ Demonstration animierte sie. Sie waren auch stolz auf ihre Transparente malende Mutter. Nur fanden sie, ich haette noch ein paar Ausrufezeichen anbringen sollen.

Heute abend sass die Familie um den Tisch und ass Pizza. Dazu erzaehlte ich die Geschichte des Leintuchs. Jeder war auf seine Weise geruehrt. Mein Mann angesichts der so praktisch ausgedachten Mitzvot seiner Schwiegermutter. Die Maedchen staunten ueber die Vorsintflutlichkeit des bewussten Lakens. So viel hat es schon gegeben, lange bevor sie auf die Welt kamen. Und ich dachte dankbar an meine Mutter, von der ich nicht nur das Leintuch, sondern auch so manche Einstellung und Fertigkeit habe, die ich an mir nicht missen moechte.

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