Noch einmal Tischa b’Av


Yaacov Lozowick hatte offensichtlich aehnliche Gedanken und Gefuehle, nur dass er sich wesentlich besser ausdruecken kann.

Fuer meine deutschen Leser habe ich den Text uebersetzt:

Israels Ende

Tischa b’Av, der neunte Tag im Monat Av, 2009. Heute gedenken wir der Zerstoerung des Zweiten Tempels in Jerusalem mit Trauer und Fasten, ab Mittag aber auch mit aufbauenden Handlungen, wie etwa kleinere Reparatuern im oder um’s Haus. Es ist heiss, seit gestern abend haben wir keinen Schluck Wasser getrunken, aber wir werkelen mit dem Hammer in der Hand herum und wollen irgendwas flicken. Im Judentum ist Trauer ebensosehr ein nach vorn schauen wie ein Blick zurueck.

Der Kundenkreis fuer die Idee, dass Israels Zeit begrenzt ist, waechst. Von 1949 bis Anfang der 1970er wurde Israels Existenzrecht fast in der ganzen arabischen Welt offen geleugnet, aber anderswo so gut wie nicht in Frage gestellt. Dann aenderte sich das Narrativ und fuer die naechsten 25 Jahre war man sich im Westen und in Israel ziemlich einig, dass die existenzielle Bedrohung vorbei waere und wenn Israel die Palaestinenser neben sich akzeptieren wuerde, koennte Frieden gedeihen. Die Gruene Linie von 1967: Wenn sich Israel nur darauf zurueckziehen wuerde!

Seit Sommer 2000 verliert dieses Narrativ allmaehlich Grund. Die meisten Israelis und ihre gewaehlten Fuehrer haben die grundlegende These akzeptiert, wenn auch nicht alle Details. Aber die Palaestinenser machten deutlich, dass ihre Forderungen 1948 beginnen und nicht 1967.

Die Feinde und scharfen Kritiker Israels verzichten daher auf die Vorspiegelung, es ginge ihnen um Teilung. Immer offener setzen sie sich fuer die Abschaffung des Zionismus ein. Die Juden sollten keinen eigenen Staat haben, sagen die Feinde. Die Juden koennten am Ende ohne einen eigenen Staat dastehen, sagen unsicheren Freunde. Und alle fordern israelische Zugestaendnisse, die dazu fuehren koennten.

Hier drei zufaellige Beispiele, alle aus den vergangenen 24 Stunden. Erstens: Die tollwuetigen Antisemiten auf der Guardian Seite “Comment is Free” schwadronieren ueber die dringende Notwendigkeit einer Welt ohne Israel. Zweitens, Andrew Sullivan, ein wirrer Denker, aber eine sehr beliebter Blogger, saft A. Jay. Adler, dass er nicht sehen kann, wie Israel seinen 60. Geburtstag erlebt (der tatsaechlich 2008 bereits passierte, aber egal). Und endlich Jeffrey Goldber, Journalist und Blogger beim “The Atlantic” und ein standhafter Unterstuetzer Israels fuerchtet, dass falsche israelische Politik sein Ueberleben gefaehrden koennte. Die Antisemiten hoffen auf Israels Ende, Sullivan faengt an, sich Fragen zu stellen und Goldberg beginnt, sich zu fuerchten. Alle sind sich einig, dass es im Bereich des Moeglichen liegt.

Ist das so? Wie?

*****

In Israel leben etwa siebeneinhalb Millionen Menschen. 20% sind Araber oder arabisch-sprechende Drusen mit abnehmender Geburtenrate. Wenige Prozent sind nicht-arabische Christen, die meisten, aber nicht alle, aus der frueheren Sovietunion. Kulturell gehoeren sie zur hebraeisch-sprechenden, juedischen Gesellschaft. Der Rest sind Juden, ihre Geburtsrate steigt langsam an, selbst bei den nicht-religioesen unter ihnen. Die juedische Gemeinschaft in Israel ist die groesste weltweit. In absehbarer Zukunft wird sie die Mehrheit aller Juden in der Welt darstellen, obwohl das nicht sofort offensichtlich sein wird, weil die anderen Juden sich schwer definieren und zaehlen lassen. Die Zahl der Juden in Israel entspricht grob der Zahl der Juden, die in der Shoah ermordet wurden. Das waere ein Weg, Israel zu vernichten: mit Gewalt.

Im Dezember 2001 sagte Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, den die Medien gern als der Gemaessigte unter den iranischen Fuehren anpreisen, in einer oeffentlichen Rede, dass Muslime sich nicht vor einer nuklearen Konfrontation mit Israel fuerchten sollten: Israel ist klein und kann zerstoert werden, die muslimische Welt ist gross und kann nicht zerstoert werden. (Uebersetzung von MEMRI, aber auch auf der Seite des iranischen Pressedienst veroeffentlicht). Natuerlich wuerde ein solcher atomarer Brand auch Millionen anderer toeten – Palaestinenser, Iraner, Jordanier, Libanesen und Syrier, aber einige Menschen waeren bereit, einen hohen Preis zu bezahlen, um die Welt von den Juden zu befreien. Die Geschichte belegt das, genauso wie sie beweist: Wenn Leute wiederholt ankuendigen, die Welt von den Juden befreien zu wollen, dann meinen sie vielleicht genau das.

Ich kann nicht sagen, wie nahe die Iraner an der Faehigkeit sind, Israel mit Atomwaffen vernichten zu koennen, auch nicht, wieviele der Fuehren im Rafsandjani ueberstimmen, aber ein nuklearer Krieg koennte tatsaechlich Israel zerstoeren. Umso mehr, als eine kleine Zahl von Personen ausreicht, um ihn zu starten. Sollte eine Gruppe von Israelhassern Atomwaffen haben, dann brauchen sie keine Volksabstimmung durchzufuehren. Ein paar hundert williger Techniker une ein Handvoll engagierter Massenmoerder wuerde ausreichen. Deshalb muss das verhindert werden.

Manchmal frage ich mich, ob Israel vielleicht eine Warnung aussprechen sollte: Wenn je der Tag kommt, an dem die letzten Israelis in einem nuklear bestueckten U-Boot realisieren, dass alles verloren ist, koennte ihr Befehl lauten, die letzten Atomrakten auf Berlin, London, Paris und Moskau abzufeuern. Einfach um den Nationen, deren Vorfahren oft und froehlich Juden verfolgten, nahezulegen, welche Kosten eine Welt ohne Israel fuer sie bedeuten koennte.

Klarerweise ist ein nukleares Armageddon moeglich. Fuer mein Teil habe ich mich entschieden zu leben, als ob es nicht passieren wird. Die gewaehlten Fuehrer und eine Handvoll Spezialisten muessen ihr Leben mit dieser Last verbringen und sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Von uns anderen kann das nicht erwartet werden, waehrend wir unser normales Leben fuehren.

Bemerkenswerterweise glauben die Israelhasser, die sich nach Israels Vernichtung sehnen, nicht an die atomare Bedrohung. Sollte Israel einen praeventiven Militerschlag fuehren wuerden der Guardian und die anderen dieser Sorte Israel schrill fuer seinen Verfolgungswahn verurteilen. Ich erwarte, dass sich die Andrew Sullivans anschliessen wuerden. Das ist eine Spannung im Kern des anti-israelischen Diskurs, der postuliert, dass Israel wegen seiner Verbrechen an den Palaestinensern untergehen sollte oder koennte, waehrend gleichzeitig geleugnet wird, dass seine Existenz durch irgendjemand anderern bedroht sein koennte. Das ist die Entsprechung im Westen zum Widerspruch bei vielen Muslimen, die gleichzeitig den Holocaust leugnen und bedauern, dass Hitler den Job nicht beendet hat.

Gibt es abgesehen vom Atomkrieg eine Gefahr fuer Israels Existenz?

Aber sicher, sagen diejenigen, die das entweder fuerchten oder wuenschen. Ihr liebstes Szenario ist, dass Amerika sich von Israel abwenden wird und Israel zusammenbricht. In anderen Szenarion gelingt es britischen Akademikern und enthusiatischen Aktivisten einen Boykott gegen Israel loszutreten, der Israels Wirtschaft zerstoert und es zu Boden zwingt. Ohne aktive Ermutigung durch Amerika kann man sich aber schwer vorstellen, wie das funktionieren sollte.

Fuer ein solches Szenarion muessten einige Dinge geschehen.

Zunaechst muesste ein signifikanter Anteil der amerikanischen Gesellschaft sehr wuetend auf Israel werden. Einen bestimmten israelischen Politiker oder eine bestimmte Politik abzulehnen, ist nicht genug, um anti-israelische Gesetzgebung loszutreten. Um das zu erreichen, muessten grosse Massen von Amerikanern entscheiden, dass Israel einzigartig boese ist und das in einem Ausmass, das sehr ungewoehnliche Massnahmen rechtfertigen wuerde. Da Israel nicht einizartig boese ist, und tatsaechlich weit besser als viele Akteure auf der internationalen Buehne, bedeutet das, dass jemand Massen von Amerikanern einen irrationalen Hass auf Israel einpflanzen muesste. Mit anderen Worten, verbreiteter Antisemitismus muesste in eine Gesellschaft eingefuehrt werden, die weitgehend frei davon ist. Wenn wir davon ausgehen, dass es einen Grund dafuer gibt, dass Amerika die erste grosse westliche Gemeinschaft ist, die sich von der Malaise des Judenhasses befreien konnte, dann muesste dieser Grund rueckgaengig gemacht werden.

Trotz all meiner Seelenverwandtschaft mit Amerika, ich lebe nicht dort und kann nicht sagen, ob eine solche Entwicklung denkbar ist. Ich bezweifle das, aber vielleicht bin ich naiv. Das ist sicherlich ein wahrscheinliches Szenario in Europa – tatsaechlich findet es bereits statt – aber die europaeische Gesellschaft war ja auch nie wirklich frei von Judenhass.

Lasst uns um des Arguments willen annehmen, dass Amerika mitmacht, Sanktionen gegen Israel verhaengt und israelische Zugestaendnisse verlangt, die Israel andernfalls verweigern wuerde – z.B. nicht Siedlungen abzubauen, wofuer sich eine israelische Mehrheit leicht finden liesse, sondern eine halbe Million Nachkommen von palaestinensischen Fluechtlingen aufzunehmen oder die Haeuser von Hunderttausenden von Juden in Jerusalem abzureissen. Diese Art von Zugestaendnissen. Wuerden internationale Sanktionen gegen Israel helfen, wenn eine israelische Mehrheit sie als existenziell betrachtet?

Sanktionen funktionieren in der Regel nicht. Die Weltwirtschaft ist zu durchlaessig. Immer werden sich Menschen, Firmen und Staaten finden, die sie um des Profits willen umgehen. Eine Menge europaeischer Firmen haben bereits Meisterschaft in der Taeuschung erlangt, aber die Chinesen heucheln nicht einmal. Darueberhinaus: Auch wenn es gerade noch denkbar ist, dass die Amerikaner ihre Geschichte zurueckrollen und wieder am Judenhass Geschmack finde, die Chinesen und Inder hatten den Geschmack nie. Das einzige Beispiel von erfolgreichen Sanktionen, das mir bekannt ist, war gegen Suedafrika. Und auch dort hatten sie keine Wirkung bis die Welt in den fruehen 1990er auf einmal einpolig wurde. Heute ist sie weniger einpolig als damals, und deswegen machen haben die diversen Sanktionsmodelle, die derzeit laufen, kaum einen Unterschied.

Und was, wenn es universelle Sanktionen gegen Israel gaebe, so unwahrscheinlich das auch sein mag, aufgrund einer Sache, wo Israel meint, keinen Kompromiss eingehen zu koennen? Was dann?

Ich weiss, dass ich nicht nachgeben wuerde. Ich bin in den Krieg gezogen, drei Wochen nach meiner Hochzeit. Ich hoffte, dass ich zurueckkaeme, wusste aber, dass es keine Garantien gibt. Ich bin trotzdem gegangen und einige meiner Freunde sind tatsaechlich nicht zurueckgekommen. Ich habe eine Zeit durchlebt, als Busse und Supermaerkte lebensgefaehrliche Umgebungen waren. Ich habe meine Kinder in den Krieg geschickt – das war am schwersten. Warum sollte irgendjemand erwarten, dass ich in einer grundsaetzlichen Frage nachgaebe, nur weil mir wirtschaftliche Nachteile droehen? Soweit ich es ermessen kann, bin ich nicht anders als die meisten Menschen um mich herum. Wir haetten liebend gern Frieden mit unseren Nachbarn, wir haben absolut keine Freude an unseren Kriegen mit ihnen, aber wir werden nicht die Grundlagen aufgeben, die wir in den letzten paar Generationen unter horrenden Kosten erworben haben.

****

Es ist Tischa b’Av. Das Fastern ist in ein paar Stunden zu Ende und wir werden in unseren normalen Alltag zurueckkehren. Heute jedoch betrauern wir die Zeit vor zwei Jahrtausenden, als unsere Vorvaeter von der damaligen Weltmacht zerbrochen wurden. Boese Dingen koennen Juden widerfahren und tun es auch in regelmaessigen Abstaenden. Optimismus wie “Wir haben eine dynamische Gesellschaft hier und niemand kann uns zu Boden bringen” wird von der Geschichte nicht gewaehrleistet. Tatsaechlich wurden wir oft niedergeschlagen und vielleicht passiert uns das wieder. Aber es ist spaeter Nachmittag an Tisch b’Av und ich sollte meine Werkzeuge nehmen und im Haus herumschauen, was repariert werden koennte. Die Generation Juden, die durch die Roemer zu Staub zerrieben wurden, und ihre Kinder und Enkel waren schlussendlich die groesste Generation von Juden jemals:  Sie erhoben sich aus den Truemmern und definierten ihre Welt neu, so dass sie ohne den Tempel zurecht kamen; sie schufen die Mishna, sie legten das Fundament fuer die Faehigkeit, Jahrtausende Heimatlosigkeit und Entrechtung zu ueberdauern. Sie schafften sogar einen zweiten, noch wuetenderen Aufstand gegen die Reomer. Und dann ueberstanden sie Hadrians Voelkermord und machten weiter, bis das Roemische Reich lange vergangen war und sein Nachfolger und dessen Nachfolger usw.

Tut mir leid – nein, es tut mir ueberhaupt nicht leid – wer auch immer unsere naechste Vernichtung plant, kapiert es nicht. Wir sind nicht hier, weil uns die Kolonialherren schickten und vergassen, uns zurueckzuholen. Wir sind nicht hier, um uns fuer die Shoah zu raechen, die die Europaer den Deutschen ermoeglichten. Wir sind nicht hier durch Duldunt der Amerikaner. Wir sind hier, weil wir uns entschieden haben, hier zu sein. Abgesehen vom goettlichen Plan, den ich nicht vorgebe, erklaeren zu koennen, sind unsere eigenen Entscheidungen der wichtigste Teil dieser Geschichte, wie sie es immer waren.

Yaacov Lozowick

Jerusalem, 30. Juli 30, 2009

Eine Antwort

  1. […] könnten (Europa natürlich sowieso). Herausgekommen ist ein Must Read, den es jetzt dank beer7 auch auf Deutsch gibt: There’s a growing constituency for the idea that Israel’s time is limited. […]

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