Schulausflug mit Slichot


Gestern abend machten wir einen Ausflug nach Jerusalem. Der Traegerverein der Schule hatte die Busse organisiert, aber die Veranstaltung in Jerusalem wurde von einer anderen Organisation angeboten. MiBereshit (= von Anfang an, „bereshit“ = „im Anfang“ ist der Beginn der Bibel). Urspruenglich von Rabbi Mordechai Alon gegruendet, hat sich Mibereshit zur Aufgabe gemacht, durch gemeinsame Aktivitaeten von Kindern und Eltern die ganze Familie naeher mit dem Judentum vertraut zu machen.

Wir waren denn auch nicht die einzige Schule, die gestern den Ausflug nach Jerusalem machte. In den Strassen der Altstadt trafen wir auch andere Familien und Schulen aus Beer Sheva, und die diversen Schilder, die den Gruppen vorangetragen wurden, signalisierten Schulen aus dem ganzen Land.

In der Altstadt selber waren insgesamt neun verschiedene Aktionszentren verteilt, wo Eltern und Kinder gemeinsam etwas machen konnten. Wir haben eine Theaterauffuehrung erlebt, eine Bastelstunde und einen Zauberer. Der Zauberer gefiel mir am besten, wie er seine Zaubertricks mit juedisch-philsophischen Gedanken begleitete. Als er etwa ein rotes Tuch in ein weisses verwandelte, assoziierte er natuerlich die roten Suenden, die weissgewaschen werden koennen.

Unterwegs trafen wir eine singende und tanzende Gemeinde, die die Fertigstellung einer neuen Thorarolle feierten. Die Thora wurde unter dem Traubaldachin mitgefuehrt. An einer anderen Ecke wurde das Ritual der „Kapparot“ vollzogen. Zwei Rabbiner schwangen lebende, weisse Huehner ueber den gesenkten Koepfen von Paaren. Diese Huehner wurden nicht geschaechtet, wie es ueblich war. Aber auch so fanden die Maedchen das sei Tierquaelerei. Ich versprach ihnen, dass wir das Ritual wieder mit Geldscheinen im Umschlag machen wuerden.

Eigentlich haette ich gern noch den Schofar-Workshop besucht, aber die Kinder draengten zur Klagemauer. Drei Maedchen (eine Freundin der Kleinen war mir auch anvertraut) zwaengten sich durch das Gedraenge zur Mauer. Mir war es unangenehm, Beterinnen zur Seite zu schieben, aber ich hatte Angst, die Kinder aus den Augen zu verlieren. Ich heftete meine Augen fest auf ihre Ruecken, waehrend sie an der Mauer standen und beteten. Vor lauter Aufpassen schaffte ich selber kaum ein Stossgebet. Mein Mann – ohne Kinder im Schlepptau – dagegen betete nach eigener Auskunft lange und konzentriert.

Zu verabredeter Stunde und am verabredeten Platz traf sich unsere Gruppe schliesslich zu gemeinsamen Slichot. Unser Schulrabbiner wollte den Schofar blasen, brachte aber keinen Ton heraus. Einer der Mitschueler meiner Grossen nahm ihm dem Schofar ab und blies ihn selber perfekt. Den Klang eines Schofars kann ich nicht beschreiben, jedenfalls laeuft mir immer ein Schauer ueber den Ruecken, wenn ich dieses urtuemliche Instrument hoere. Es ist wirklich geeignet, Gedanken der Umkehr und Reue auszuloesen. „Slichot“ sind eine Reihe von Gebeten, in denem um Vergebung gebeten wird. Sie werden zum grossen Teil gesungen. Mir gefaellt besonders „Aneenu“ (Antworte uns), wobei der Ewige in jeder Zeile daran erinnert wird, dass er ja schon unseren Vorvaetern geantwortet hat.

Die ersten Kinder schliefen bereits auf den Schultern ihrer Vaeter, als wir uns auf den Rueckweg machten. In den engen Gassen der Altstadt mussten wir mehrmals Pause einlegen und auf Nachzuegler warten oder Mitglieder der Gruppe, die sich verlaufen hatten, den Weg erklaeren. Der Mutter, die fuer die Organisation zustaendig war, standen die Schweisstropfen auf der Stirn. Nur der Rabbiner blieb ruhig. Ich sagte nebenbei, dass mir Massenveranstaltungen nicht sonderlich liegen. Er gab zu Bedenken, dass die Menschenmenge auch ein Gefuehl von Zusammenhalt und Staerke vermitteln und schaetzte, dass ueber zehntausend Menschen an der Veranstaltung teilgenommen hatten.

Schliesslich schafften wir es zu den Bussen und schliefen ein, kaum dass der Bus die Stadt verliess. In Beer Sheva waren wir kurz nach ein Uhr nachts. Wir brachten noch die Freundin nach Hause und fielen dann in unsere Betten. Die Maedchen durften heute morgen laenger schlafen, ich brachte sie erst um 10 Uhr in die Schule.

Jerusalem ist eine besondere Stadt. Obwohl ich gestern genuegend rebellische Gedanken gegen die Verehrung der Klagemauer hatte, konnte ich mich ihrer Athmosphaere nicht entziehen.

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Eine Antwort

  1. >>Obwohl ich gestern genuegend rebellische Gedanken gegen die Verehrung der Klagemauer hatte, konnte ich mich ihrer Athmosphaere nicht entziehen.<<
    Da ist schon ein besonderes Klima. Aber ich hoffe, dass die Kommerzialisierung nicht weiter geht. Letztes Jahr war überall Werbung dafür, dass Familien dort Bar Mitzwa feiern sollen. Das fand ich ziemlich daneben. Dieses Jahr war zum Glück von dieser Werbung fast nichts mehr zu sehen.

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