Blick zurueck mit Kopfschuetteln


In der Sammelmappe meines Vaters finde ich einen Text von Edward Luttwak vom 2. August 2001: „Erfolg und Geheimnis – Israels Kampf gegen die Intifada“

Edward N. Luttwak ist nicht irgendjemand.

Da ich die sog. „2. Intifada“ von Anfang an selbst erlebt habe, finde ich Luttwaks Beschreibung der „Minimisierung“ von Israels Verlusten ein wenig zu nonchalant. In der ersten Phase des Konflikts standen tatsaechlich hohe, pal. Verluste vergleichsweise niedrigen israelischen Verlusten gegenueber. Radlauer begrenzt die erste Phase auf September 2000 bis Dezember 2000:

The first phase of the al-Aqsa conflict began on 27 September 2000, and ended in late December 2000. At that time Palestinian fatalities tapered off sharply, and remained generally lower until the next September.

Die pal. Opfer liessen vor allem deswegen drastisch nach, weil die pal. Bevoelkerung nicht mehr so willens war, sich als menschliche Schutzschilde zur Verfuegung zu stellen.

aus The Reality Show!

aus „The Reality Show!

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Israel empfand die hohen Opferzahlen bei den Palaestinensern aber gar nicht als Sieg und wandte sich noch im Herbst 2000 an die UN, dass doch die Verwendung von Kindern als menschliche Schutzschilde verurteilt werden solle. (Was natuerlich nicht geschah.)

Aber das sind kleinere Einwaende. Insgesamt trifft Luttwaks Beschreibung zu und auch die angefuehrten Gruende: Israel war vorbereitet, weil die Geheimdienste richtig voraussagten, dass Arafat jeden Loesungsvorschlag in Camp David II ablehnen und stattdessen auf Gewalt setzen wuerde.

Den letzten Absatz des Artikels zitiere ich:

So interessant und in technischer Hinsicht bewunderswert Israels Sicherheitssytem auch sein mag, es bringt die Region dem Frieden um keinen Schritt naeher. Im Gegenteil. Gerade weil es den Schaden in Grenzen haelt, erscheint ein endloser Konflikt ertraeglicher und ein Rueckzug aus den besetzten Gebieten weniger zwingend.

Die FAZ hatte diesen Gedanken noch extra betont, indem sie die Zwischenueberschrift „Sicherheit, die dem Krieg dient“ einfuegte.

Im Nachhinein sind wir immer schlauer. Aber schon im Sommer 2001 war die Vorstellung, dass nur genuegend Israels getoetet werden muessten, um eine Friedensloesung zu erreichen, nicht nur zynisch, sondern offensichtlich falsch. Die „Menschenopfer fuer den Frieden“ waren von Rabin schon Jahre frueher in den Diskurs eingebracht worden, ohne dass sie Frieden herbeifuehrten.

Ganz im Gegenteil konnte Ariel Sharon den einseitigen Rueckzug aus dem Gazastreifen nur durchsetzen, weil die israelischen Verluste seit der Militaeraktion „Schutzschild“ (von interessierten Kreisen immer noch als „Massaker von Jenin“ gehandelt) im April 2002 drastisch reduziert werden konnten.

Dieser Rueckzug hat uns nachweislich wiederum nicht dem Frieden naeher gebracht, sondern dem Krieg, vor allem seit der Gazastreifen der de facto Staat der Terrororganisation Hamas wurde. Bei einem einseitigen Rueckzug aus dem Westjordanland haetten wir beste Chancen, auch dort die Hamas als de facto Machthaber zu installieren.

Luttwaks Fehleinschaetzung geht auf den alten Mythos zurueck, dass es Israel ist, das eine 2-Staatenloesung verhindert. Tatsaechlich sind es natuerlich die Palaestinenser, die immer noch auf eine Kein-Staat-Israel-Loesung setzen. Weil diese Erkenntnis abgewehrt wird, plaediert kein Analyst darauf, dass die Palaestinenser endlich mal auf hartem Weg die Folgen ihrer Politik erfahren und daraus lernen sollten. Ganz im Gegenteil wird Israels zurueckhaltende Selbstverteidigung als Kriegsverbrechen daemonisiert.

Genau diese Haltung aber sorgt dafuer, dass der Konflikt weitergeht:

Solange Du und viele wohlmeinende Menschen im Westen die Palaestinenser immer von der Verantwortung fuer ihre eigenen Handlungen frei sprechen und ihnen die daraus logisch entstehenden Konsequenzen ersparen wollt, solange wird sich die pal. Situation weiter verschlechtern. Mach Dir bitte klar, deswegen sind Du und Deinesgleichen mit verantwortlich fuer das pal. Elend.

6 Antworten

  1. Ist nicht die Haltung dieses Irren heute noch das Credo der Friedenshetzer?

  2. Dabei sagen die Palästinenser ganz offen, was sie denken und wollen. Wer lesen kann, dem sollte es nicht schwerfallen, immer wieder Sätze zu lesen wie heute diesen hier im Spiegel Online ( http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,654457,00.html ):

    Frieden mit Israel? Niemals, sagt Heba al-Natscheh. „Palästina reicht vom Mittelmeer bis zum Jordan. Eine Zwei-Staaten-Lösung werden wir niemals akzeptieren. Das ist unser Land.“ An der Wand hängt der Spruch: „Der Islam ist die Lösung.“

    Wieso bitte ist es dann immer wieder die alte Leier, daß Israel dieser Wunderlösung im Wege steht? Hätten die Palästinenser nur JA gesagt, hätten sie längst ihren Staat. Aber sie konnten sich nicht dazu überwinden, solange Israel noch besteht.

    Daß die Leute im Westen das nicht kapieren, wo es doch in riesigen Lettern an jeder Wand steht, das kapiere ich wiederum nicht. Wunschdenken scheint tatsächlich enorme Kräfte zu haben….

  3. Und ebenfalls heute in Ynet:

    After in the past expressing a relatively moderate stance compared to Hamas, and saying he would agree to a state in the 1967 borders, Mashaal retreated to a hawkish stance.

    „After the Arabs offered all the possible initiatives and after the Israelis and the Americans rejected their initiatives, the Arabs and the Palestinians must go back to their original demands,“ he said.

    „We must say: Palestine from the sea to the river, from the west to the occupied east, and it must be liberated. As long as there is occupation, there will be resistance to the occupation,“ he concluded.

    Wirklich, wie oft müssen die Parteigänger der Hamas (und auch viele andere) noch sagen, was sie denken, ohne daß sich ein Mensch drum kümmert?

  4. Ich habe diese Zitate und noch ein paar andere soeben bei mir verwurstet – sie waren zu hübsch, um sie mir durch die Lappen gehen zu lassen….

  5. @ Wieso bitte ist es dann immer wieder die alte Leier, daß Israel dieser Wunderlösung im Wege steht?

    Nu, das tut es aber doch nach Ansicht der Palästinenser und ihrer verstehenden Freunde im wahrsten Sinne des Wortes: Israelische Städte und Kibbuzim, Schulen, Universitäten, Fabriken, Geschäfte, Tankstellen, Busbahnhöfe, Synagogen, nimm, was du willst, alles steht zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan.
    Wenn alle diese Zwischenstände (das, was im Weg steht) „entjudaisiert“, „entisraelisiert“ werden, indem die Juden entweder freiwillig ins gewohnte Exil gingen oder von den arabischen Brüdern, wie schon vor Jahrzehnten versprochen, endlich ins Meer getrieben würden, stünde „Israel“ eben nicht mehr im Weg. Ist doch ganz einfach.

    Und leider scheinen das auch die zu denken, die mit vielen interessanten und verschleiernden Worten ihre Meinung zum „Palästinenserproblem“ kundtun….

    (Ich bitte meinen Zynismus zu entschuldigen! Aber manchmal fällt mir nichts anderes mehr ein…)

  6. […] Beer7 blickt zurück. Mit Kopfschütteln. Angesichts eines Berichts aus dem Jahr 2001 über die „Intifada“. Da hat ein „Analyst“ tatsächlich die Chuzpe – ich bediene mich dieses Wortes, weil mir sonst nur Unflätigkeiten einfallen – zu behaupten das israelische Sicherheitssystem sorge dafür, dass der Krieg im Nahen Osten perpetuiert wird. Mit anderen Worten: Die Juden sollen sich gefälligst abschlachten lassen, damit endlich Frieden einkehren kann! […]

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