Kantinengespraech im Kibbutz


Meine Firma gehoert zur Kibbutzindustrie. Viele Mitarbeiter sind Kibbutzmitglieder und der Speisesaal des Kibbutz dient auch als Firmenkantine.

Gestern sass ich mit drei Kollegen am Tisch, die alle Kibbutzmitglieder sind und zwar aktive, die Frau engagiert sich beim Erziehungskommitee, einer der beiden Maenner, G.,  gehoert dem Kommitee an, das Sondierungsgespraeche mit Anwaerten auf Kibbutzmitgliedschaft  fuehrt und der zweite, Y.,  hat etwas mit der  Internet- und Telefonversorgung des Kibbutz am Hut.

Vorgestern gab es offensichtlich ein „Kibbutz-Gespraech“ (eine Sitzung, zu der alle Mitglieder eingeladen werden), weil sich ein Loch im Haushalt des Jahres  aufgetan hat.

Ich hoerte lange nur zu, waehrend die drei Betroffenen erregt diskutierten. Erst zum Schluss stellte ich ein paar Verstaendnisfragen.

Der Haushalt wird jaehrlich ausgearbeitet und beschlossen. Bei der Ausarbeitung sind die Kibbutzfunktionaere meist unter sich, obwohl alle Mitglieder zur Teilnahme eingeladen sind. Beim Abstimmen gibt es dann oft Kritik und Aenderungsvorschlaege, die besser in die Phase der Ausarbeitung gepasst haetten, ueber die aber auch jeweils abgestimmt wird.

Offensichtlich wiederholt sich Jahr fuer Jahr, dass der Haushalt nicht eingehalten wird. Y. ging soweit zu sagen, dass dieses  System zur Verschwendung einlaedt. G. und die Frau dagegen meinten, dass die Budgetierung immer zu knapp ist und z.B. steigende Wasserpreise nicht beruecksichtigt oder auch zu erwartende Einnahmen zu hoch veranschlagt wurden.

Wenn ich richtig verstanden habe, dann beginnt die Erarbeitung des Haushalts mit der Bestandsaufnahme der zu erwartenden Einnahmen. Danach erfolgt eine erste Verteilung auf die verschiedenen Ressorts. Bei der Kibbutzversammlung, die den Haushalt genehmigen muss, kommt es dann zu Verteilungskaempfen. Jeder hat seine Prioritaeten und moechte, dass das entsprechende Ressort finanziell besser ausgestattet wird. Familien mit kleinen Kindern haetten gern mehr Geld fuer die Kindergaerten und Freizeitangebote fuer Kinder, Senioren dagegen sind die Angebote in Sachen Gesundheit wichtiger, usw.

Regelmaessig wird dann auch vorgeschlagen, doch die Kibbutzabgaben zu erhoehen (eine Art zusaetzlicher Steuer fuer Kibbutzmitglieder), aus der sich das Gros der Kibbutzeinnahmen ergibt. Die Frau und Y. sagen, dass sie dafuer gestimmt hatten. Wie G. richtig bemerkt, findet sich aber dafuer nie eine Mehrheit, so dass es nichts kostet, als  Minderheit ein Zeichen zu setzen.

Die Aufregung entstand, weil der Kibbutzsekretaer vorgeschlagen hatte, das Defizit durch eine Erhoehung der Abgaben auf den Quadratmeterpreis der Wohnungen zu decken. Die Frau hat die groesste Familie von denen, die am Tisch sassen, vermutlich auch die groesste Wohnflaeche und war deswegen strikt dagegen, auf diese Weise zusaetzliche Einnahmen zu generieren.

Ich spekuliere, dass die verschiedenen Ressorts es alle nicht so ernst nehmen, wenn sie ihr Budget ueberschreiten. Insofern setzt sich das Haushaltsloch vermutlich aus vielen kleinen Loechern zusammen, und die Forderung der Frau, genau zu klaeren, wer dafuer verantwortlich ist, kann nur zum Kleinkrieg der Ressorts und viel boesem Blut sorgen.

Warum sollten die Ressorts ihre diveren Ueberziehungen auch ernst nehmen? Seit Jahren erleben sie, dass der Kibbutz das Loch immer irgendwie stopft. Vermutlich wird das Defizit auch dieses Jahr dadurch gedeckt werden, dass das Schwimmbad frueher als geplant fuer den Winter geschlossen wird. Auf dem Rueckweg in die Firma meinte G. truebselig, dass er nun wieder nicht fuer das Schwimmen im See Genesareth trainieren kann.

Mich beruehrt eigenartig, dass alle drei mit mir schon ueber die Demonstrationen „Soziale Gerechtigkeit“ diskutierten und sich offensichtlich damit identifieren, teilweise auch daran teilgenommen haben. Da erleben alle drei hautnah, wie es im Kleinen, dem Kibbutz, schon nicht so ganz funktioniert. Und gleichzeitig sind sie davon ueberzeugt, dass es im Grossen, dem Staat, nur gut laufen kann.

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3 Antworten

  1. Wenn ich mal alt bin, dann kann ich mir ein Leben in so einem Kibbutz vermutlich auch vorstellen. Es muss ganz nett sein dann in einer Organisation eingebunden zu sein und noch Aufgaben zu haben und eben nicht nur die Wand anzustarren oder juristische Aufsätze zu Themen zu schreiben, die außer ein paar spätpubertierenden Jugendlichen keinen Menschen interessieren.

  2. Alte Leute haben leider keine Chance, in einen Kibbutz aufgenommen zu werden. Nur junge Familien mit ordentlichen Berufen koennen kandidieren.

    Ich bin auch nicht sicher, dass den Senioren in diesem Kibbutz wirklich noch ernste Aufgaben ueberlassen werden. Die Generation der Kinder draengt jeweils nach und will auch ans Ruder.

  3. Eines der tiefgreifendsten Probleme des Kibbuz ist die Besetzung von wichtigen Posten mit unqualifizierten Leuten. All diese Leiter von bestimmten Erwerbszweigen, die die Budgets verwalten, haben keine Ahnung davon, wie man das macht. Und darum erwirtschaftet jeder ein kleines Minus, in der sicheren Erwartung, daß der Kibbuz ihm das schon irgendwie zustopft. Die Minusse addieren sich…

    Früher war es möglich, betriebswirtschaftliche Entscheidungen Laien zu überlassen. Die Budgets waren knapp, aber es gab noch nicht die heutige Konsumhaltung und das ausufernde Kreditsystem.

    Es ist zwar ehrenwert, die finanziellen Geschicke des Kibbuz in die Hände der Allgemeinheit zu legen, und ich hänge bestimmt nicht der Illusion an, daß studierte Betriebswirte die einzigen sind, die Ahnung von Geld haben. aber allzu oft werden Posten im Kibbuz nicht nach Eignung vergeben, sondern nach Sympathien oder dem Gefühl, „jetzt ist Rivkele aber auch mal dran“.

    Außerdem sind viele Kibbuzim in Erkenntnis dieser Schwächen Beratern von draußen in die Hände gefallen, die nicht immer wirklich was taugen.

    Die Option, jede wirtschaftliche Fehlentscheidung letzendlich auf die Gemeinschaft umzulegen (dann werden eben die Abgaben erhöht oder Dienste gestrichen – andere Optionen werden gar nicht erst erwogen), verhindert auch eine ehrliche Bewertung der wirtschaftlichen Entscheidungsträger im Kibbuz.

    Kurz, es ist ein Elend. Der Kibbuz funktionierte, solange man sich auf Produktion und gemeinsame Aufgaben wie Gesundheit, Erziehung und Kultur konzentrierte. Als der Fokus sich zu Erwerb individuellen Wohlstands verschob, war der Kibbuz als Idee eigentlich schon tot.

    „Sich erneuernde Kibbuzim“ (kibbutzim mitchadshim) sind eigentlich keine mehr, bieten aber noch viele der alten Pluspunkte. Wenn ein Kibbuz diese Erneuerung erfolgreich abgewickelt hat, dann funktioniert er auch wieder.

    Leider hat unser alter Kibbuz auf ein seltsam unausgegorenes, unentschlossenes Parve-Modell gesetzt. Das war einer der Gründe, warum wir ihm nach zwei Jahrzehnten glücklicher Mitgliedschaft den Rücken gekehrt haben.

    In anderen Kibbuzim hat es funktioniert, und sie brummen wieder.

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