meine 10 Agurot zum Shalit-Deal


Wie die meisten Israelis bin ich emotional gespalten. Auf der einen Seite moechte ich sehr, dass Gilad endlich heimkommt. Ich habe auch Angst, dass noch irgendein Pferdefuss kommen koennte.  Auf der anderen Seite verstehe ich die Qualen derjenigen, deren Angehoerige ermordet wurden und die nun erleben, dass die Moerder freigelassen werden. Tatsaechlich ist auch zu erwarten, dass viele der freigepressten Terroristen weiter morden werden…

Warum dieser unausgewogene Tausch – mehr als 1000 Palaestinenser fuer einen Israel – gerade jetzt stattfindet?

Mein Mann und ich waren uns sofort, als die Nachricht kam, einig: Unsere Regierung hat jede Hoffnung aufgegeben, mit Abbas je zu einem Kompromiss zu kommen, vor allem nach dessen Aktion in der UNO und UNESCO. Da ist uns Hamas dann lieber. Wenigstens weiss jeder, woran er ist. Der Gefangenenaustausch findet jetzt auch mit dem Ziel statt, Hamas gegenueber Fatah zu staerken.

7 Antworten

  1. ja Ruth, auch ich denke mir, das einer von uns gegen mehr als tausend Feinde, darunter mehrere hundert Terroristen, richtungsweisend sein wird. Man wird auch künftig ähnliche Tauschgeschäfte mit uns machen.

  2. Und das müssen wir verhindern. Jetzt, wo Gilad wieder zuhause ist, müssen wir eine ehrliche Diskussion anfangen und uns überlegen, wie wir solche Deals für die Zukunft unmöglich machen.

    In erster Linie müssen weitere Geiselnahmen verhindert werden – die Armee legt auf Vorsichtsmaßnahmen riesigen Wert. Alle paar Monate wird geübt, was beim Code für „entführter Soldat“ getan werden muß. Die Armee weiß jederzeit, wo jeder Soldat ist, und prüft das auch nach.

    Dann müssen wir uns überlegen, wie wir in Zukunft mit verurteilten Terroristen umgehen. Ich würde zB mal andenken, ob nicht andere Länder bereit wären, sie in ihren Haftanstalten unterzubringen – damit wären SIE erpreßbar und nicht mehr wir. Ein internationaler Gerichtshof für Terroristen – damit wäre es nicht nur auf Palästinenser vs. Israel reduziert.

    Für die Todesstrafe bei verurteilten Terroristen bin ich grundsätzlich nicht – ich halte es für richtig, daß Israel sie nicht praktiziert, sie paßt nicht ins israelische Rechtssystem, in die Rechtsauffassung und ins moralische Klima. Aber eine Diskussion ist vielleicht mal wieder fällig. Halten die alten Argumente dagegen noch? Wie machen andere Länder das?

    Eine Änderung des Gesetzes, so daß manche Verbrecher von der Möglichkeit einer Begnadigung durch den Präsidenten ausgenommen werden, oder daß der Regierung keinerlei Handlungsspielraum mehr bleibt.

    Den Anreiz auf Null runterdrehen.

    Die Motivation, Israelis bzw Juden zu ermorden, zu verstümmeln und zu verletzen ist so schon hoch genug. Wenn es uns gelänge, die Motivation, sie als Geiseln zu nehmen, zu drücken – das wäre ein Fortschritt.

    Und es ist nötig.

    Ich war für den Deal und bin mit den Shalits von der Wiese vor ihrem Haus bis Kabri gegangen. Aber ich glaube, wir müssen uns wie Odysseus überlegen, wie wir uns am sichersten an den Pfahl fesseln lassen.

    Das sage ich mit sehr schwerem Herzen. Ich habe zwei Kinder in Uniform, mein Primus beendet den Dienst im November, und im Februar wird Tertia eingezogen. Die Drohung, weitere Soldaten zu kidnappen, erfüllt mich mit Grauen und Angst. Es hat nicht viel dazu gehört, mir meinen schlaksigen Secundus an Gilads Stelle vorzustellen. Stoff für Albträume.

    Und doch. Und doch. Wir müssen die NOtbremse ziehen. Diese Deals werden immer surrealer. Dies muß der letzte gewesen sein.

  3. Hallo Lila,
    gute Gedanken von Dir. Darüber muss man wirklich in Ruhe nachdenken.
    Ein Gedanke ist mir gekommen.
    In der Zeit der RAF-Entführungen in Deutschland (Lorenz, Schleyer) hat es auch Überlegungen zur Verhinderung der Erpressbarkeit des Staates gegeben.
    Ich kann mich erinnern, dass einige Politiker, vom Ehepaar Helmut und Lookie Schmidt weiss ich es, individuelle Lösungen des Problems gesucht und gefunden haben.

    Sie haben notariell beglaubigt eine Willenserklärung abgegeben und hinterlegt, dass sie im Fall einer Geiselnahme es ablehnen durch den Staat ‚freigekauft‘ zu werden.

    Das war nur ein Gedanke. Denn solch eine Erklärung wird man nicht von jedem israelischen Soldaten verlangen können.
    Aber vielleicht auf freiwilliger Basis? Mal sehen vie viele sich beteiligen?

  4. Lila,
    vielen Dank fuer Deine ausfuehrlichen Gedanken.

    Ich bezweifele sehr, dass Terrortisten in die Gefaengnisse anderer Laender ausgelagert werden koennen. Zum einen werden sich kaum welche dafuer finden, zum anderen waeren sie dort noch viel schneller auf freiem Fuss. Erninnerst Du Dich an die drei ueberlebenden Attentaeter von Muenchen? In weniger als zwei Monaten waren sie schon freigepresst. Dann koennte Israel auch gleich darauf verzichten, irgendwelche Terroristen ueberhaupt festzunehmen.

    Das kann leicht darauf hinauslaufen, dass israelische Truppen moeglichst keine Gefangenen mehr nehmen, sondern „in Notwehr“ oder „bei Fluchtversuchen“ toeten, wo es auch nur halbwegs gerechtfertigt werden kann. Ein ordentliches und rechtsstaatliches Verfahren, bei dem auch die Todesstrafe verhaengt werden kann, halte ich da fuer die sauberere Loesung.

    Die andere Variante, naemlich „um jeden Preis“, auch um den Preis ihres Lebens, zu verhindern, dass Geiseln in Feindeshand fallen, – wie hier klar angedeutet – passt sicher noch weniger ins moralischen Klima Israels.

    Ich musste auch an Deinen Sohn denken. Ich moechte keinem jungen Soldaten zumuten, vor dem eigenen Gewissen zum Moerder zu werden, weil moeglichst keine Gefangenen gemacht werden sollen.
    Oder dass sie gar einen Kamaraden toeten muessen, um eine Geiselnahme zu verhindern. Auch die Vorstellung, dass einem solchen Jungen eine Giftpille fuer alle Faelle mit den entsprechenden Weisungen verpasst wird, verschafft mir Alptraeume.

  5. Paul,
    stell‘ Dir doch einmal vor, dass Gilad eine solche Erklaerung unterzeichnet haette. Meinst Du, seine Eltern haetten deswegen darauf verzichtet, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um ihn auszuloesen?!
    Fuer die Eltern ist es schwer genug, Soehne bei Kampfeinheiten zu haben. Dazu noch solche Erklaerungen einzufuehren, wuerde den psychischen Stress bei allen Beteiligten nur erhoehen. Und wer kann wirklich im Voraus eine Verzichtserklaerung auf sein eigenes Leben abgeben?

    Bei Treppenwitz hat eine Kommentatorin genau das geschrieben – und anscheinend gibt es schon solche Erklaerungen:

    In response to fungo’s comment: There is a movement going around the mechinot that are having the pre-army boys sign a document that if they are kidnapped not to trade prisoners to release them.

    I think it is unfair. The families of the kidnapped suffer as much as the one kidnapped. How can someone make that decision without consulting the family.

    A parallel I will make as a nurse: many people insist that they don’t want to live if their circumstances become dire medically. Yet when they become dire, they do everything in their power to live even just a bit longer.

    I say you cannot know how you will feel until you are in a situation. All the exclamations about how you want things to be don’t mean anything until you are in that place.

    Posted by: susie@newdaynewlesson | Oct 17, 2011 7:53:42 PM

  6. Hallo lieber Paul…. Wiedersehn macht Freude…. es kreisen bereits mehrere solcher Erklärungen. In den letzten Jahren haben mehrere Gruppen von jungen Israelis kurz vor dem Wehrdienst öffentliche Briefe verfaßt, in denen sie sich dagegen wehren, im Fall einer Gefangennahme als Pfand zu dienen. Sie bitten ausdrücklich darum, mit ihren potentiellen Entführern keine Handel irgendwelcher Art einzugehen.

    Das Problem: es ist ein Unterschied, an einem sonnigen Tag in Tel Aviv so einen Brief aufzusetzen und zu unterzeichnen, oder aber in einem Erdloch in Gaza zu sitzen, während man mit Gummischläuchen verprügelt oder mit Elektroschocks an den Genitalien gefoltert wird. Das muß man so brutal sagen, denn die Brutalität der Kidnapper schreckt vor nichts zurück.

    Nicht jeder hat das Format, nach fürchterlichen Foltern an die Gefängniswand zu kritzeln „lo bagadti“, „ich habe nicht verraten“, bevor er vor das Erschießungskommando geführt wird. (Uri Ilan, unvergessen).

    Und noch ein Problem: die Eltern haben ähnliche Erklärungen nicht unterzeichnet und würden es auch nicht tun. Ich würde es nicht tun. Ich würde genau wie Aviva Shalit Himmel und Erde in Bewegung setzen.

    Übrigens scheint es, daß das immer gegen die Shalits in Feld geführte Argument, daß lautstarke Proteste den Preis in die Höhe treiben, nicht ganz richtig ist. Leider weiß ich nicht mehr, wer es gesagt hat, aber die bessere Behandlung Shalits fing zeitgleich an mit den lauten, weithin hörbaren Protesten, die seine Eltern initiiert hatten. Da haben Shalits Geiselnehmer wohl begriffen, daß er ihnen lebendig mehr wert ist als tot, und in guter Verfassung mehr wert als halb zu Tode gequält (wie der arme Ron Arad auf den geisterhaften Bildern aus seiner Gefangenschaft).

    Und was ist, wenn Zivilisten gekidnappt werden, keine Soldaten?

    Es ist ein Faß ohne Boden, und kein „Friedensprozeß“ der Welt wird diesen Verbrechern die Motivation nehmen können, fürchte ich. Auch die Bereitschaft junger Soldaten, lieber zu sterben als gefangengenommen zu werden, und ihre Freunde lieber zu erschießen als als Geisel zu sehen. In welche moralischen Dilemmata schicken wir unsere junge Generation? Ist der nette Kerl im Schlafasack neben mir vielleicht der, der mir den Gnadenschuß geben muß?

    Gibt es Schicksale, die schlimmer sind als der Tod? Wäre es für Ron Arad nicht besser gewesen, am Fallschirm abgeschossen zu werden, als viele Jahre später an einem unbekannten Ort qualvoll zu sterben?

    Die Mutter von Gilad Shalits Kameraden Chanan Barak, der getötet wurde, als Gilad verschleppt wurde, meinte jedenfalls, sie beneidet Aviva Shalit. Ihr Sohn wird nie wieder zurückkommen. Ob Aviva Shalit wiederum Chanans Mutter in mancher schlaflosen Nacht still beinah-beneidet hat, lasse ich dahingestellt.

    Wer kann solche Fragen beantworten?

  7. PS: Uri Ilan hat Selbstmord begangen. Wie Ron Arad gestorben ist, weiß man nicht. Was mit Gilad passiert wäre, wenn der Deal nicht zustande gekommen wäre, ebenfalls nicht. Was mit Baumel und Feldman geschehen ist, ob nicht wenigstens einer von beiden noch lebt, weiß man ebenfalls nicht.

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