Alltag unter Raketendrohung


Die Kinder in Beer Sheva haben seit Sonntag „raketenfrei“. Gerade erst gingen die zwei-Wochen-langen Ferien zum Laubhuettenfest zu Ende und die Maedchen wuerden gern wieder zur Schule gehen und mehr Zeit mit ihren Freundinnen verbringen. Stattdessen haben sie nun schon den dritten Tag Hausarrest. Wenn Hamas, der Islamische Jihad und/oder sonstige Terrorgrueppchen das Leben im Sueden nachhaltig beeintraechtigen wollen, muessen sie nur taeglich gegen abends ein oder zwei Raketen abschiessen.

Gestern abend war ich mit der Kleinen in einem Laden fuer Handarbeitsartikel in der Altstadt. Wir wollten Wolle kaufen, weil Stricken bekanntlich beruhigt. Diesmal wird es ein roter Schal. Ich habe auch zugeschlagen und Material fuer eine Strickjacke fuer die Kleine gekauft.

Wir bewunderten gerade die Knopfauswahl, als die Sirene ertoente. Zum Glueck waren wir im Laden und nicht im Auto. Und zum Glueck ist dieser Laden wie die meisten in der Altstadt ein langer Schlauch in einem Betongebaeude. Alle Kundinnen und Verkaeuferinnen draengten sich ans hintere Ende. Ein Regal mit Wollknaeulen wuerde eventuelle Granatsplitter auch ganz gut absorbieren. Die Chefin schaute auf die Uhr und gab nach der angemessenen Zeit Entwarnung, aber die deutlich hoerbare Explosion erfolgte erst anschliessend. Ich sagte, es sei besser noch ein bisschen zu warten. Tatsaechlich hoerten wir bald darauf eine zweite Explosion.

Eigentlich sollte heute wieder Unterricht stattfinden, aber nach diesem Raketenangriff war allen klar, dass ein weiterer Tag schulfrei sein wuerde. Die Maedchen hatten sich schon beschwert, dass sie kaum noch wissen, wie sie die Zeit herumkriegen. Fernsehen und Computer sind auch nicht alles. Gestern haben sie schon das Puzzle mit 250 Teilen zur Haelte gemacht, heute wollen sie das mit den 500 Teilen anfangen. Wenn sich die Lage nicht entspannt, haben wir noch welche mit 1000 Teilen.

Spaeter ging ich trotzdem schwimmen, aber entspannend wirkte das nicht. Mein Kopf ist meistens unter Wasser, so dass ich schlecht hoere. Der Bademeister laesst Musik laufen, wo manche Ober- oder Untertoene an eine Sirene erinnern. Also versuche ich mich optisch zu orientieren. Solange die anderen Frauen im Becken ruhig sind, ist es kein Alarm. Aber haeufig sind das Grueppchen von Studentinnen, die viel miteinander zu reden und kichern haben, daher muss ich genau hinschauen, um welche Art von Aufgeregtheit es sich handelt. Gestern war eine Gruppe arabischer Studentinnen dabei, wie ich nachher im Umkleideraum bemerkte, als sie ihre Schleier befestigten. Ich kam gerade aus der Dusche, als ein Wagen mit Blaulicht und Tatuetata vorbeifuhr. Einen Sekundenbruchteil erstarrten wir alle, bis wir sicher waren, dass es kein Raketenalarm war. Die arabischen Studentinnen tauschten leise ein paar ernste Saetze aus. Leider verstehe ich kein Arabisch, aber ich vermute, es hiess so etwas wie „Scheissraketen, hoffentlich kommt kein Alarm, wenn wir nach Hause fahren.“

Obwohl sie eigentlich ausschlafen koennte, steht die Kleine jeden Morgen mit mir auf. Sie geniesst die Zeit, die wir miteinander haben, waehrend mein Mann und die Grosse noch schlafen. Ausserdem muss sie kontrollieren, was ich anziehe, einerseits unter modischen Gesichtspunkten, aber in den letzten Tagen auch Sicherheit: Keine Schuhe mit Absaetzen, „damit du zum Schutzraum rennen kannst.“ Ich sage ihr nicht, dass ich schon beschlossen habe, den Schutzraum gar nicht aufzusuchen, falls ein Alarm kommt. Er ist zu klein und zu weit weg. Eine Kollegin, die das Feuer in Ashdod (sieben Autos brannten aus) nach dem Raketenhagel am Samstagabend erlebt hat, befuerchtet, dass der Schutzraum zur Feuerfalle werden koennte, wenn eine Rakete die Fabrik treffen sollte. Ich weiss nicht, wie gut der Brandschutz ausgelegt ist und ob er einer solchen Zuendung gewachsen waere.

3 Antworten

  1. Möge der Allmächtige euch bewahren!

  2. […] Die Kinder in Beer Sheva haben seit Sonntag „raketenfrei“. Gerade erst gingen die zwei-Wochen-langen Ferien zum Laubhuettenfest zu Ende und die Maedchen wuerden gern wieder zur Schule gehen und mehr Zeit mit ihren Freundinnen verbringen. Stattdessen haben sie nun schon den dritten Tag Hausarrest. Wenn Hamas, der Islamische Jihad und/oder sonstige Terrorgrueppchen das Leben im Sueden nachhaltig beeintraechtigen wollen, muessen sie nur taeglich gegen abends ein oder zwei Raketen abschiessen. […]

  3. ‚Die Schweiz verurteilt‘ … ‚den Bau von mehreren tausend Wohnungen‘

    http://www.news.admin.ch/message/index.html?lang=de&msg-id=42067

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