Faktenresistenz: ein klares Symptom fuer Ideologie


Vor zwei Wochen veroeffentlichte das Journal J21 einen Text von Kurt Theodor Oehler.

Darin befuerchtet Herr Oehler einen israelischen Angriff auf den Iran, womit Israel mal wieder den Weltfrieden gefaehrde. Die Bedrohung durch den Iran sei nur „gefuehlt“ und auch das nur von Israel und den USA. Komisch, ich erinnere mich da an Berichte, wonach die Golfstaaten und Saudiarabien sich Sorgen machen…

Die Israelis braeuchten sich eigentlich nicht bedroht zu fuehlen, meint Herr Oehler, wenn sie nur die Siedlungspolitik einstellen und aufhoeren wuerden, sich wie Nazis zu benehmen:

Die Israelis können sich nicht in die katastrophalen Bedingungen, unter denen die Palästinenser leben, einfühlen. Letztere werden laufend gedemütigt, und ihr Land wird ohne Skrupel für neue Siedlungsprojekte und umfassende Infrastrukturmassnahmen enteignet. Für die Israelis scheint das Leben eines Palästinensers weniger Wert zu haben als das Ihrige. Ist es wirklich erlaubt, seine direkten Nachbarn so als „Untermenschen“ zu behandeln? Das dürfte doch angesichts der schrecklichen Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges gerade von den Israelis nicht erwartet werden müssen…

Aber das ginge mit dieser Regierung nicht, sagt Herr Oehler:

Netanyahu ist kein Mann des Friedens
Die wutentbrannten Hasstiraden von Benjamin Netanyahu gegen die Friedenspolitik seiner Vorgänger sind nicht vergessen, und er hat sich in letzter Zeit kaum zum „Paulus“ verwandelt. Es sind die gleichen Absichten, die sich hinter seiner Verzögerungstaktik verbergen. Er will weder einen Friedensvertrag mit den Palästinensern, noch will er die Westbank preisgeben. In diesem Sinne richtet sich seine Politik gegen eine Zweistaatenlösung. Seine Friedensbekundungen sind deshalb verlogen und scheinheilig und nur auf Zeitgewinn bedacht. Mit seiner aggressiven Siedlungspolitik will er zudem vollendete Tatsachen schaffen, die schliesslich einen palästinensischen Staat verunmöglichen.

Irgendwie erinnere ich mich an keine Hasstiraden von Netanyahu. Haette nicht auch J21 eine Quelle verlangen koennen? Die „aggressive Siedlungspolitik“ bestand in einem 10-monatigen Baustopp in den Siedlungen, mit denen mal wieder „Vertrauen gebildet“ werden sollte. Da die PA sich erst kurz vor Ablauf dieses Moratoriums an den Verhandlungstisch bequemten und ausser der Forderung, das Moratorium muesse verlaengert und um Jerusalem erweitert werden, nichts mitbrachten, wird seither wieder gebaut – zum Mitschreibenn: nur innerhalb der bestehenden Siedlungen, neue Siedlungen werden nicht gebaut, nur der Abriss von nicht genehmigten Siedlungen wird nicht so schnell und rigoros vorangetrieben, wie sich das manche israelische Linke wuenschen wuerden.

Aus Ha’artez, dem Leib- und Magenblatt der „Israelkritiker“ erfahren wir nun, dass Netanyahus Vorschlaege waehrend der Verhandlungen mit der PA in Jordanien weitgehend mit den Vorschlaegen der damaligen Ausseministerin Zipi Livni in Annapolis im Herbst 2008 uebereinstimmen. Die Reaktion der palaestinensischen Unterhaendler ist auch weitgehend identisch. Es wird geleugnet, dass Israel ueberhaupt Vorschlaege eingebracht hat, diese nicht eingebrachten Vorschlaege werden als nicht akzeptabel bezeichnet und die Verhandlungen abgebrochen.

Der Washington Post erklaerte Abbas im Fruehjahr 2009, warum er auch Olmerts Vorschlaege, die anscheinend noch ueber Annapolis hinausgingen, abgelehnt habe:

In our meeting Wednesday, Abbas acknowledged that Olmert had shown him a map proposing a Palestinian state on 97 percent of the West Bank — though he complained that the Israeli leader refused to give him a copy of the plan. He confirmed that Olmert „accepted the principle“ of the „right of return“ of Palestinian refugees — something no previous Israeli prime minister had done — and offered to resettle thousands in Israel. In all, Olmert’s peace offer was more generous to the Palestinians than either that of Bush or Bill Clinton; it’s almost impossible to imagine Obama, or any Israeli government, going further.

Abbas turned it down. „The gaps were wide,“ he said.

(…)

Instead, he says, he will remain passive. „I will wait for Hamas to accept international commitments. I will wait for Israel to freeze settlements,“ he said. „Until then, in the West Bank we have a good reality . . . the people are living a normal life.“ (..)

Das Leben als „Untermensch“ unter israelischer Besatzung ist anscheinend nicht so schlimm.

Ob Herr Oehler angesichts dieser Fakten umdenken koennte? Ich bezweifle das. Seine eigentliche Motiviation schimmert deutlich zwischen den Zeilen hervor:

Israel hat in seinen Augen kein Existenzrecht, da es nur auf die Bibel gegruendet sei, Balfourdeklaration, Britisches Mandat Palaestina, UN-Entscheid und erfolgreiche Verteidigung im Unabhaengigkeitskrieg werden verdraengt. Vor allem aber sei Israel zu arrogant, ein bisschen Solidaritaet mit den Nachbarn  und Dankbarkeit gegenueber der Weltgemeinschaft darfuer, dass es ueberhaupt gegruendet werden durfte (oha, hier erinnert Herr Oehler sich doch wieder an die UN!), stuendem dem kleinen Land besser an.

Mit anderen Worten, die Juden sind mal wieder uebermuetig geworden und koennen sich selber zuschreiben, was ihnen dafuer blueht:

„Wie so oft in der Geschichte, wenn der Jude übermütig geworden und die Völker, bei denen er sich eingenistet habe, zu sehr von ihm ausgepowert worden seien, erkenne auch jetzt langsam ein Volk nach dem anderen, wieviel Schaden ihm der Jude zugefügt habe. Jeder versuche dann auf seine Weise mit ihm fertig zu werden.“

(Henry Picker: Hitlers Tischgespraeche, S. 348)

12 Antworten

  1. Liebe Ruth,
    Du hast den unsäglichen Debattenbeitrag von Kurt Theodor Oehler ausgezeicnet kommentiert bzw bis zur Kenntlichkeit beschrieben. Besten Dank dafür!

  2. Was für eine Frechheit auch von Netanyahu, dass er nicht ohne Gegenleistung die Westbank räumen will. Wo doch die Erfahrungen mit der Räumung des Gazastreifens sooo ermutigend waren …

    Aber sag mal, Ruth, ist das wirklich Antisemitismus? Ich kenne Herrn Oehler nicht und weiß nicht, wo er politisch steht. Aber wenn er schreibt

    Für die Israelis scheint das Leben eines Palästinensers weniger Wert zu haben als das Ihrige

    dann scheint mir die Ideologie dahinter weniger eine antisemitische zu sein; mir scheint eher, dass diesem Mann überhaupt nicht bewusst ist, dass für jede Regierung, die etwas taugt, die Sicherheit ihrer eigenen Bürger und ihres eigenen Volkes mehr wert sein muss als die von Ausländern. Dafür ist sie ja da.

    Die Ideologie von Herrn Oehler scheint zu sein, dass westliche Staaten Wohltätigkeitseinrichtungen zu sein haben, die für die Mühseligen und Beladenen aller Welt zuständig sind, und wenn sie stattdessen die Interessen ihrer eigenen Bürger wahrnehmen, dann ist das, dieser Ideologie zufolge, abgrundtief verwerflich, weil damit alle anderen Menschen als „Untermenschen“ behandelt würden. Ich fürchte, ein Herr Oehler würde das eigene Land in entsprechender Lage auch nicht anders behandeln. Siehe auch http://korrektheiten.com/2010/07/10/antisemitismus-gaza-resolution-des-bundestages/

    Dass hier ein tabuisierter und deshalb verdrängter Antisemitismus sich auf Kosten Israels Bahn bricht, glaube ich zwar auch, aber ein „klares Symptom“ würde ich in diesem Artikel nicht sehen.

  3. Manfred,

    Israelis mit Nazis gleichzusetzen, ist nach der EU Arbeitsdefinition Antisemitismus. Das tut Oehler in seinem Text.

    Mein Argument bezog sich allerdings nicht darauf, sondern auf fortgesetzte Behauptungen wider besseres Wissen – eben Faktenresistenz.

    Aus Oehlers Formulierung geht nicht klar hervor, ob er den israelischen Staat meint – fuer den allerdings die Verantwortung fuer die eigenen Buerger an erster Stelle steht – oder individuellen Israelis Rassismus unterstellt.

  4. Israelis mit Nazis gleichzusetzen, ist nach der EU Arbeitsdefinition Antisemitismus.

    Die EU ist so ziemlich die letzte Institution, der ich bei solchen Themen die Deutungshoheit übertragen würde.

    Wir brauchen nicht darüber zu diskutieren, dass diese Gleichsetzung bösartiger Irrsinn ist. Ich würde sie aber eher als Ausdruck einer politisch induzierten deutschen Kollektivneurose sehen, die sich – wie meistens seelische Verkrüppelungen – in destruktiver Weise bemerkbar macht. Genuiner Antisemitismus sieht anders aus. Dies aber nur nebenbei, Du sagtest ja, dass Dein Argument sich nicht darauf bezog.

    Mein Argument bezog sich allerdings nicht darauf, sondern auf fortgesetzte Behauptungen wider besseres Wissen – eben Faktenresistenz.

    Faktenresistenz ist die Voraussetzung dafür, links sein zu können; sie zeigt sich durchaus nicht nur beim Thema Israel.

  5. Manfred,

    da mag was dran sein.
    In der Postmoderne wurden ja die Fakten abgeschafft und an ihrer Statt „Narrative“ eingefuehrt.

    Wie sieht denn genuiner Antisemitsmus Deiner Meinung nach aus?

  6. Im Zusammenhang mit „Israelkritik“ halte ich das mittlerweile schon klassische 3-D-Kriterium (Delegitimierung+Dämonisierung+Doppelstandards), sofern alle drei Faktoren gegeben sind, für ein deutliches Indiz, dass diese „Israelkritik“ von einem Ressentiment, und zwar gegen Juden, angeheizt wird. (Im Falle Oehlers und der meisten Linken müsste man das Kriterium „Doppelstandards“ verneinen.)

  7. Dem wuerde ich widersprechen, Manfred.
    Herr Oehler wuerde moeglicherweise Deutschland ebenfalls nach seinen absurden Masstaeben behandeln, aber nie im Leben ein nicht-westliches Land: Aegypten, Iran usw.

    Doppelstandards sind demnach auch erfuellt.

  8. Ja, aber zu Lasten des Westens, nicht der Juden.

  9. „Die Ideologie von Herrn Oehler scheint zu sein, dass westliche Staaten Wohltätigkeitseinrichtungen zu sein haben, die für die Mühseligen und Beladenen aller Welt zuständig sind, und wenn sie stattdessen die Interessen ihrer eigenen Bürger wahrnehmen, dann ist das, dieser Ideologie zufolge, abgrundtief verwerflich, weil damit alle anderen Menschen als “Untermenschen” behandelt würden.“

    Absolute Zustimmung, Manfred.

    @Ruth: In der Tat muss Israelkritik dieser Art nicht unbedingt Antisemitismus sein. Es ist vielmehr eine allg. anti-westliche Tendenz. Und noch genauer: eine altruistische. Altruistisch im ursprünglichen Sinne der Selbstaufopferung zugunsten Andere und zur Lasten eigener Interessen.

    Genau diese Ethik des Altruismus– ob die jetzt aufs Christentum zurückgeht, auf Immanuel Kant oder sonstwas oder sonstwen, ist zunächst mal völlig egal-vergiftet in der Tat die Gehirne vieler Menschen heute und sie äussert sich auch an solchen Stellen wie dieser dümmlichen „Israelkritik“.

    Nur gut und löblich, dass die Israelis solche Egoisten sind und ihr Recht auf Leben eisern verteidigen.

  10. Es stimmt schon, Kritik an Israel muss kein Antisemitismus sein. In vielen Fällen ist es das aber. Weiß der Teufel warum, aber die Welt scheint offensichtlich besessen von den Juden zu sein. Der Drang, den Zionisten für alles Böse auf Erden verantwortlich zu machen, ist nichts anderes als die moderne Erscheinungsweise eines sehr alten Ressentiments. Oder anders gesagt: Antizionismus ist der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts.

  11. CK und Manfred,
    Ihr habt Recht – ich werde den Text entsprechend anpassen.

    CK, allerdings stimme ich Dir nicht zu, dass es sich wirklich um Altruismus handelt. Die Personen, die aufgrund dieser Ideologie von anderen Selbstaufopferung verlangen, sind meistens der Auffassung, dass sie damit genug getan haben, so dass sie weit davon entfernt sind, sich selber zugunsten anderer in irgendeiner Weise einzuschraenken.

    Ein typisches Beispiel waere Al Gore. Er sieht offensichtlich keine Heuchelei bei der Kluft zwischen seinem Eintreten fuer einen umweltvertraeglichen „Fussabdruck“ und seinem eigenen ueberdimensionierten „Fussabdruck“.

  12. @Ruth : Ja, viele Menschen wie eben Al Gore heucheln in der Tat nur. Manche gehen sogar soweit sich selber so hinzustellen, als hätten sie selber Anrecht auf die Leistungen/Opfer Anderer. Altruismus als moralische Pseudorechtfertigung für Räuberei also.

    Wobei man zwar ohnehin anmerken muss, dass man Altruismus gar nicht konsistent praktizieren kann, andernfalls müsste man nämlich sofort Selbstmord begehen. Denn dann ist mehr zu essen für andere Menschen da und die eigenen Güter können endlich an Andere gehen. (Dass solche Überlegungen zwar ohnehin malthusianischer Unsinn sind, weil man ja erst einmal zusammen etwas zum Essen anbauen muß, Wohlstand eben produziert wird und nicht statisch fix gegeben ist, ist nochmal ein ganz anderes Thema. Bei dem ganzen Blödsinn, der heute so rumkursiert, weiß man aber eh nimmer wo man anfangen soll.)

    Aber es gibt nichts Egoistischeres als sich selber zu verteidigen, wenn man angegriffen wird, zumal wenn man dabei Kollateralschäden, die im israelisch-palästinensischen Konflikt allerdings allein die Schuld der Hamas sind, mit in Kauf nimmt. Das ist also der Vorwurf. Dass der Autor vielleicht umdenken würde, wenn er selber mit Raketen beschossen werden würde, mag sein. Das wäre dann zwar heuchlerisch, aber wenigstens ein Beweis dass noch Restverstand bei ihm da ist. Hingegen jemand, der aus Pazifismus sich umbringen lässt, mich persönlich nur noch erschrecken würde.

    Gottseidank hat Israel noch genug Selbstbewusstsein keinen (nationalen) Selbstmord zu begehen. Bei Europa bin ich mir da gar nimmer so sicher.

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