Wie sich das anfuehlt


Gerade bin ich nach Hause gekommen. Ich stehe mit Laptop und Handtasche ueber der Schulter vor dem Lift. Eine junge Nachbarin wartet mit mir. In diesem Augenblick geht die Sirene los. Die Nachbarin will die Treppen heraufrennen, aber das Treppenhaus hat Fenster – gefaehrlich wegen eventuell herumfliegender Glassplitter –  und der Lift kommt gerade. Ich halte sie am Aermel fest. Wir wohnen im 2. Stock, sie im vierten. Also biete ich ihr an, schnell zu uns mitzukommen. Zu spaet denke ich daran, dass mein Mann noch nicht da ist – sein Auto steht nicht auf dem Parkplatz. Die Kinder sind sicher laengst im Schutzraum, da will ich sie nicht durch Klingeln wieder herausholen. Ich ziehe die Nachbarin  in den Technikraum neben der Wohnung (Wasserrohre, Stromzaehler etc.)  Sie zwaengt sich in eine Ecke. Ich hoere jemanden die Treppe hinaufkeuchen undd erkenne unsere Grosse, die mit ihrer Freundin draussen war. Schnell ziehe ich sie auch in den Technikraum. Eine Sekunde spaeter rumst es. Der Mann der Nachbarin ruft durch’s Treppenhaus nach ihr, sie rennt zu ihm. Wir warten noch ein bisschen, dann klingeln wir, damit uns die Kleine aufmacht. Mein Mann ruft an und fragt, ob wir alle zuhause sind, er kaeme auch gleich. Ich telefoniere mit meiner Mutter. Meinem Vater geht es nicht gut. Ich weiss nicht, ob ich wegen der Raketen Bauchschmerzen habe oder wegen der schlechten Nachrichten. Die Schwiegermutter ruft an. Mein Mann sagt, wir sollten ein langes Wochenende mit den Kindern machen,irgendwo, wo es ruhig ist.

Ich sollte noch den Wocheneinkauf machen und Schwimmen wollte ich eigentlich auch. Ich glaube, das streiche ich fuer heute abend, obwohl das Schwimmbad auf hat.

Morgen haben die Kinder wieder raketenfrei. „Wengistens hatten wir einen Tag, um unsere Freunde zu sehen“‚ kommentiert die Kleine.

Und dann lese ich im Internet, waehrend ich nach guenstigen Fluegen in die Schweiz suche, dass Sigmar Gabriel fuer Kontakte mit Hamas wirbt.

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19 Antworten

  1. Grauenhaft. Zum Glück ist euch nichts passiert.

    Sigmar „Pop“ Gabriel gab heute auch auf Facebook bekannt, dass in Hebron ein „Apartheid-Regime“ herrscht. Der Mann kennt sich halt aus.

  2. @ „Und dann lese ich im Internet, waehrend ich nach guenstigen Fluegen in die Schweiz suche, dass Sigmar Gabriel fuer Kontakte mit Hamas wirbt.“

    und mit vor Selbstbewusstsein geschwellter Brust auch gleich den kompletten Nahostkonflikt regelt, indem er Netanyahu auffordert, den Siedlungsbau zu stoppen, denn dann werden die Hamas und ihre Freunde bestimmt Frieden machen, gell?!???! So wie sie ja „Frieden“ machen seit der Räumung des Gazastreifens….

    Gabriel – keine Ahnung, aber ein großes Mau.. Mundwerk!

  3. Ruth,
    Dein Bericht ist mir schon „unter die Haut gegangen“. In meinem sicheren Hort hier in Berlin, kann ich mir eine derartige Situation garnicht mehr vorstellen. Es erinnert mich sehr an die Zustände bei Bombenangriffen im 2. Weltkrieg. Gelegentlich haben Verwandte davon erzählt. Durch die „Gnade der späten Geburt“ und andere glückliche Umstände habe ich sowas Gott sei Dank niemals erleben müssen.
    Um so mehr ist mein Herz jetzt bei Euch.
    Und das nennt sich nun Waffenstillstand?
    Gott möge Euch beschützen.

    Deine Schilderung ist ein sehr beeindruckendes Zeitdokument. Das sollte man Gabriel um die Ohren hauen.
    Immer wieder die gleiche Leier: „Siedlungsbau stoppen, dann gibt es Frieden.“
    Es gibt einen Blog: „Ahnungslosigkeit trifft Größenwahn“. So würde ich den Gabriel einordnen. „Der hat sie nicht alle“, sagen wir volkstümlich.
    Liebe Grüße an Euch
    Paul

  4. Mir wird ganz flau, wenn ich so etwas lese. Gott sei Dank ist Euch nichts passiert. Ich hoffe, es hat auch sonst keine Verletzten gegeben?

    Was Gabriel angeht: Der ist repräsentativ für die deutsche Politik. Sieh es positiv, und danke dem Herrn, dass Dein eigenes Land nicht von solchen Ochlokraten regiert wird.

  5. Liebe Ruth, da wird mir beim Lesen schlecht vor Mit-Angst. Ich habe die ganze Zeit an Euch gedacht. Keine Ahnung, was ich Euch und uns allen wünschen soll – ein Wunder, so daß das endlich aufhört und die Verrückten im Gazastreifen diese vollkommen sinnfreie Raketenschießerei endlich einstellen. Und sich statt dessen mal um den Aufbau eines funktionierenden, produktiven Gemeinwesens kümmern. DAs ist ja nicht auszuhalten. Und die UNO bestätigt den Palästinensern, reif für einen Staat zu sein!

  6. Danke fuer Eure Anteilnahme. Statistisch gesehen, ist die Chance, dass mir mein taeglichen Pendeln zur Arbeit eteaqs zustoesst, groesser als die Gefahr durch Raketen. Aber gefuehlsmaessig habe ich keine Angst vor dem Autofahren, aber bei der Sirene kriege ich Herzklopfen.

  7. Ruth, wir beten für euch!

  8. Darf ich Euch alle um Gebete fuer meinen Vater bitten?

  9. Liebe Ruth, ich durfte Deinem Vater einmal begegnen. Ein feiner Mensch. Ich wünsche ihm Kraft und gute Besserung!
    Dein Bericht geht unter die Haut und einen Moment musste ich wieder um Fassung ringen. Zum Glück ist nichts passiert! Eine Beruhigung ist dies nicht.

  10. Lieber Urs,
    mein Vater hat auch Dich als feinen Menschen empfunden. Vielen Dank fuer die guten Wuensche, ich werde sie ihm ausrichten.

  11. […] sie sich ungern in die Schießübungen der kämpfenden Hamasanhänger einbeziehen, wollen weder als Zielscheibe noch als Statisten in der Opferrolle herhalten. Sie schießen im Gegenteil einfach zurück! ihre […]

  12. Es geht immer noch schlimmer:

    Sigmar Gabriel
    “Ich war gerade in Hebron. Das ist für Palästinenser ein rechtsfreier Raum. Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.”

  13. Alles Gute für dich und deinen Vater, Ruth. Ich denke an dich.

  14. […] Gerade bin ich nach Hause gekommen. Ich stehe mit Laptop und Handtasche ueber der Schulter vor dem Lift. Eine junge Nachbarin wartet mit mir. In diesem Augenblick geht die Sirene los. Die Nachbarin will die Treppen heraufrennen, aber das Treppenhaus hat Fenster – gefaehrlich wegen eventuell herumfliegender Glassplitter –  und der Lift kommt gerade. Ich halte sie am Aermel fest. Wir wohnen im 2. Stock, sie im vierten. Also biete ich ihr an, schnell zu uns mitzukommen. Zu spaet denke ich daran, dass mein Mann noch nicht da ist – sein Auto steht nicht auf dem Parkplatz. […]

  15. „Raketenterror auf Israels Süden hält an – Schulen wieder geschlossen“:

    http://www.eip-news.com/2012/03/raketenterror-auf-israels-suden-halt-an-schulen-wieder-geschlossen/

  16. „Darf ich Euch alle um Gebete fuer meinen Vater bitten?“

    gerne! Machen wir!

  17. Liebe Ruth,
    ab sofort nehme ich Deinen Vater in meine Fürbitten auf, die ich jeden Tag, na ja, fast jeden Tag, an der Grotte in Lourdes ’niederlege‘.
    Shabbat Shalom
    Paul

  18. Liebe Ruth,
    noch einmal etwas zu Sigmar Gabriel (er spricht für die SPD)
    „Ein sehr persönlicher Vortrag von Antje Yael Deusel über ihren Weg zur Rabbinerin stand gestern im Mittelpunkt der zentralen Veranstaltung zur Woche der Brüderlichkeit im Helene-Lange-Gymnasium. Für Aufsehen sorgte ein Grußwort des Fürther Rabbiners David Geballe, der mit harschen Worten den Nahostkonflikt in seine Überlegungen zur Gedenkwoche einschloss“.
    http://www.nordbayern.de/region/fuerth/die-narben-sind-betrachtlich-1.1922870

  19. Liebe Ruth,
    entschuldige, dass ich den Link hier plaziere.
    Mir scheint die Anteilnahme gross (zumindest in den Medien):
    «Das ganze israelische Volk weint»
    Tausende bei Begräbnis von Toulouse-Opfern in Jerusalem
    Die vier Todesopfer des Anschlags von Toulouse sind am Mittwoch in Jerusalem beigesetzt worden. An dem Begräbnis auf dem grössten Friedhof der Stadt, Har Hamenuhot, nahmen Tausende von Menschen teil.
    http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/tausende_bei_begraebnis_von_toulouse-opfern_in_jerusalem_1.15989855.html

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