Martin Woker – ausgeleuchtete Vorurteile


Martin Woker hat einen Kommentar in der NZZ, in dem er seine Vorurteile gut ausgeleuchtet zur Schau stellt.

Die Ankündigung vorgezogener Parlamentswahlen in Israel überrascht nicht. Auch die von Ministerpräsident Netanyahu angeführte Begründung, wonach sich seine Regierungskoalition nicht auf ein Budget einigen konnte, war zu erwarten gewesen – ernst zu nehmen ist sie nicht. Der Grund für Netanyahus Entscheid ist in der Stärke der aus dem Likud, Nationalisten und Religiösen bestehenden Koalition zu suchen, die in der Knesset 66 der 120 Sitze hält. Über ein Drittel der Stimmbevölkerung wünscht sich laut Umfragen Netanyahu als Chef der nächsten Regierung. Das sind phantastische Aussichten vor einem voraussichtlich nur drei Monate währenden Wahlkampf.

Nur ein Drittel Zustimmung gelten anderswo eher als schlechte Prognose. Ha’aretz, das Leib-und-Magen-Blatt aller israelkritischen Journalisten, berichtete denn auch vor gerade mal zwei Monaten, dass 31% Zustimmung fuer Netanyahu dessen schlechteste Umfragergebnisse seit Amtsantritt sind.

Im Mai waren ebenfalls vorgezogene Wahlen im Gespraech. Als sich dann die Kadima-Partei unter Mofaz der Koalition anschloss, war das Thema wieder beerdigt. Als sich Kadima nach weniger als drei Monaten aus der Koaltion verabschiedete, kam das Thema wieder auf die Tagesordnung.

Beides spricht dafuer, dass die Mehrheitsverhaeltnisse in der Knesseth sehr wohl eine grosse Rolle spielen.

Herr Woker muss das ausblenden, weil es nicht in sein Weltbild passt, dass der „Hochstapler“ Netanyahu moeglicherweise wahre Gruende fuer die vorzeitigen Wahlen angibt.

Dem rhetorisch beschlagenen Politiker ist es gelungen, die im Sommer des Vorjahrs ausgebrochenen Sozialproteste zu beenden, ohne dafür politische Konzessionen zu machen.

Fuer mein Teil erinnere ich mich deutlich, dass auf Grund der Empfehlung der Trachtenbergkommission, allgemeine, gebuehrenfreie Kindergaerten fuer Kinder ab 3 Jahren eingefuehrt wurde. Noch vor einem Jahr begann die gebuehrenfreie Betreuung erst mit 5 Jahren. Innerhalb eines Jahres die notwendigen Raeume zu schaffen und das Personal einzustellen, damit mit Beginn dieses Schuljahrs alle Kinder ab 3 Jahren einen Kindergartenplatz haben, war sehr hektisch. Und alles andere als kostenlos: Zum 1. August wurde die Mehrwertsteuer um 1% angehoben. (Deswegen ja auch der Absturz in den Umfragewerten fuer Netanyahu und noch mehr fuer seinen Finanzminister, siehe Ha’aretzlink oben) Ab 2013 soll ausserdem die Einkommenssteuer fuer alle, die mindestens 14,000 (~2800 Euro) im Monat verdienen, erhoeht werden. Das ist der Mittelstand – mein Mann und ich werden auch betroffen sein. Fuer unsere Kinder haben wir seinerzeit noch ueber 1600 NIS pro Kind im Monat an Kindergartengebuehren bezahlt.

Aber Herr Woker kann sich mit solchen Kleinigkeiten nicht aufhalten. In seiner Einschaetzung von Netanyahu muss der Fokus anderswo liegen.

Israels Rechte, zu der gemeinhin die nationalistischen Siedler gezählt werden, wie auch die religiösen Parteien setzten mehr, als jede linke Partei dies je tun würde, auf den Umverteilungsstaat.

Also hat Herr Woker doch ein bisschen etwas von der Umverteilung mitbekommen? Israels Rechte sind also Siedler und Ultraorthodoxe. Und die sollen zusammen 30% der Stimmbuerger ausmachen?! Grosszuegig gerechnet sind Siedler 4.5% und die Ultraorthodoxen 8%. Die freie Kindergartenerziehung kommt theoretisch den kinderreichen Ultraorthodoxen zugute. Allerdings hat das einen Haken: Um die Gebuehren zu sparen, muessen die Kinder in einem staatlich-staedtischen Kindergarten angemeldet werden. Die Ultraorthodoxen ziehen aber Kindergaerten vor, in denen ihre Kinder unter sich bleiben und streng nach der jeweiligen Richtung erzogen werden. Diese Kindergaerten werden durch Spenden (vermutlich vor allem aus den USA) subventioniert. Ich vermute daher, dass Kinder aus ultraorthodoxen Familien nur zu einem geringen Prozentsatz von der gebuehrenfreien Frueherziehung profitieren. Welche Vorteile die Siedler aus dieser Aenderung ziehen sollen, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.

Mit der Warnung vor dem Holocaust durch iranische Atombomben vermochte Netanyahu das Palästina-Dossier von der internationalen Agenda zu verbannen.

Herr Woker weiss natuerlich sicher, dass Israel sich nicht wirklich durch den Iran bedroht fuehlen muss und die Warnungen nur vom wirklich existienziellen Problem ablenken sollen:

Noch aber lässt sich die ungelöste Palästina-Frage als Israels zentrales und existenzielles Problem trefflich verdrängen.

Geschenkt: Die Autonomiebehoerde unter Abbas kann bestenfalls fuer das Westjordanland sprechen und weigert sich seit Jahren, auch nur an den Verhandlungstisch zu kommen. Die Hamasregierung, die im Gazastreifen de facto einen Staat hat, lehnt Verhandlungen und Israels Existenz grundsaetzlich ab. Aber in den Augen von Journalisten wie Martin Woker, koennte Israel den Konflikt umgehend loesen, wenn es nur die notwendigen Zugestaendnisse machen wuerde.

Auch die politischen Umwälzungen in der Region haben die Regierung bisher bemerkenswert kaltgelassen.

Tatsaechlich konnte sich Israel der naiven Euphorie vieler Europaeer zum „Arabischen Fruehling“ nicht anschliessen, was uns auch in der NZZ uebel genommen wurde. Das die Grenzbefestigung zum Sinai hin mit vollem Tempo hochgezogen wird und warum, hat auch in der NZZ ein leichtes Echo ausgeloest. Kaltlassen uebersetzt als Gleichgueltigkeit, wuerde ich das nicht nennen.

Sein inhaltsleerer politischer Pragmatismus lasse säkulare und gut ausgebildete Israeli verzweifeln und derzeit in Scharen auswandern. Netanyahu weiss natürlich um all die Probleme und wählte in dieser Lage, was Hochstapler in Bedrängnis stets wählen: die Flucht nach vorne.

Und hier kommt endlich die Aufloesung fuer die eigenartige Perspektive, die Martin Woker einnimmt. Er identifiziert sich mit den Ueberresten der israelischen Linken, die es noch nicht verwunden haben, dass sie nicht mehr die Elite darstellen. Yaakov Lozwick beschreibt sie so:

They are mostly members of a once illustrious group of Ashkenazi, secular, educated and left-leaning Israelis. One should not belittle them; while they no longer dominate Israeli society, they remain an honorable, creative and important section of it. Yet they are afflicted with a misconception shared by their political relatives in many Western societies: that they are somehow better than the others, more intelligent, more compassionate; that they are right, while everyone else is wrong, and boneheaded for not seeing their light.

Sie sind ueberwiegend Mitglieder der einst erlauchten Gruppe von ashkenasichen (aus Mitteleuropa stammenden), saekularen, hochgebildeten und links-orientierten Israelis. Man sollte sie nicht herabsetzen; zwar dominieren sie nicht mehr die israelische Gesellschaft, aber sie bleiben ein ehrenvoller, kreativer und wichtiger Bestandteil von ihr. Leider leiden sie unter der Wahnvorstellung, wie sie auch von ihren politschen Verwandten in vielen westlichen Gesellschaften geteilt wird, dass sie irgendwie besser als andere seien: intelligenter, mitfuehlender, dass sie im Recht seien, waehrend alle anderen falsch laegen und bloed seien, da sie ihr Licht nicht saehen.(uebersetzung von mir)

Aus diesem Blickwinkel ist ein Mann wie Benjamin Netanyahu – Ashkenase, saekular, hoch gebildet (Abschluss von MIT), aber mit anderer politischer Einstellung – schwer zu verstehen. Er kann nur ein Hochstapler sein, also jemand, der sich in betruegerischer Absicht als ein anderer ausgibt. Netanyahu *muss* wissen, dass die israelische Linke eigentlich Recht hat, aber aus Eigennutz positioniert er sich mit seiner rhetorischen Beschlagenheit als Rechter.

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2 Antworten

  1. Eine gute Antwort auf diesen Artikel in der NZZ.
    Gefällt mir sehr gut. Deine Argumente sind wirklich überzeugend.

  2. […] Leider leiden sie unter der Wahnvorstellung, wie sich auch von ihren politischen Verwandten in vielen westlichen Gesellschaften geteilt wird, dass sie irgendwie besser als andere seien: intelligenter, mitfühlender, dass sie im Recht seien, während alle anderen falsch lägen und blöd seien, da sie das Licht nicht sähen. Yaakov Lozowick, übersetzt und zitiert von Beer7, 11.10.12 […]

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