Raketenalarm in der Schule


Wenn ich dort lebte, wuerde ich meine Quarta wohl zuhause halten, wie schickt man Kinder in die Schule, wenn die Gefahr so gross ist? Ich wuerde ja am Rad drehen vor Sorge.

schreibt Lila in Letters from Rungholt

Und sie hat ja so Recht!

Samastag Abend kamen mein Mann und ich von Eilat zurueck. Die Firma hatte dort fuer die gesamte Belegschaft mit Partnern ein langes Wochenende ausgerichtet. Im Radio hoerten wir, dass ein Armeejeep auf Routinepatrouille entlang des Gazastreifens mit einer Panzerabwehrrakete beschossen worden war, alle vier Soldaten sind verletzt, zwei schwer und zwei mittel.

Bei dieser Gelegenheit moechte ich die Abstufung der Verletzungen, wie sie in Israel ueblich ist, wiederholen:

lebensgefaehrlich – wird meistens nur als Umschreibung fuer “noch nicht klinisch tot” verwendet. Wenn jemand eine solche Verletzung lebend uebersteht, spricht man von einem Wunder.
schwer – fuer alle Verwundungen, die zwar lebensgefaehrlich sind, aber eine reale Chance zum Ueberleben beinhalten.
mittel – Verletzungen, die das Leben nicht bedrohen, aber bleibende Schaeden nach sich ziehen, die den Betroffenen daran hindern, je wieder ein ganz normales Leben zu fuehren. (Verluste von Gliedmassen, Laehmung, Erblindung, Hoerverlust etc.)
leicht – alle anderen physischen Verletzungen. Vom Verlust eines Auges, Fingern oder der Hoerfaehigkeit in einem Ohr bis zur Schnittwunde
Schock – jede nicht physische Verletzung. Menschen, die solche Traumata erlebt haben, koennen oft ueber Jahre hinweg nicht normal leben.

Von den verletzten Soldaten kaempft einer noch um sein Leben. Ein anderer hat komplizierte Operationen an den Augen hinter sich, ob er je wieder sehen kann, wird sich noch weisen.

Die israelische Armee reagierte auf den Angriff und schoss zurueck. Die Palaestinenser behaupten, dass dadurch vier Menschen getoetet und 25 weitere verletzt wurden – alles Zivilisten natuerlich.

Seit Samstag abend wurden ueber 130 Raketen auf Israels Sueden abgeschossen. Drei israelische Zivilisten wurden verletzt.

Unser Buergermeister steht seit laengerem unter Druck, weil er jedes Mal die Schule ausfallen liess, wenn am Vortag Raketen auf Beer Sheva abgeschossen wurden, auch wenn die zustaendige Stelle der Heimatfront dagegen war.  Und dieses Mal waren am Vortag noch keine Raketen auf Beer Sheva abgeschossen worden. Also fand am Sonntag der Unterricht statt. Ich brachte die Kleine in ihre  Schule und ermutigte sie, dass die Raketenteams bei klarem Wetter und am hellichtenTag schlechter Raketen auf Beer Sheva abschiessen koennen. Der Himmel ueber Beer Sheva war noch strahlend blau und wolkenlos.

An meinem Arbeitsplatz, ca. 70 km weiter noerdlich aber regnete es schon in Stroemen. Und zum fruehen Nachmittag hatten die Wolken wohl auch den Gazastreifen erreicht. Kurz nach 14:00 erhielt ich einen Anruf von der Grossen, im Hintergrund ein Hoellenkrach. Zwei Raketen waren auf Beer Sheva abgeschossen worden. Ihr Klassenzimmer ist zufaellig der Schutzraum, vier weitere Klassen hatten sich hineingezwaengt. Die Schueler wurden nach Hause geschickt.

Ich versuchte, die Kleine zu erreichen. Keine Antwort. Waehrend ich eine SMS tippte, rief sie zurueck. In ihrer Schule hatte die Leitung in den fruehen Schulstunden eine Uebung fuer den Fall von Raketen durchfuehren lassen. Als der Alarm kam, brach dennoch Panik aus. Kinder rannten wild los und nicht unbedingt in den ihnen zugewiesenen Schutzraum (die Schule hat mehrere und ausreichend grosse). Die Lehrer gerieten ins Dilemma: Sollten sie die fehlenden Kinder aus den ihnen anvertrauten Klassen waehrend des Alarms suchen, oder besser bei den anderen Kindern im Schutzraum bleiben? Auch diese Schule schickte die Kinder anschliessend nach Hause. Zum Glueck hatte ich der Kleinen an diesem Morgen ausreichend Geld mitgegeben. Ich sagte ihr, sie solle ein Taxi nehmen, anstatt mit dem Bus zu fahren.

Als beide gluecklich von zuhause anriefen, war ich sehr erleichert.

Heute habe ich die Maedchen nicht in die Schule geschickt, obwohl der Unterricht offiziell stattfindet.

17 Antworten

  1. Liebe Ruth, es gefällt mir natürlich ganz und gar nicht, was da bei euch passiert! Ich will dir sagen, dass ich an dich denke und das wenige, was mir möglich ist zu tun, auch tue: Beten und darüber schreiben und reden, auch wenn ich nur wenig Leute erreiche! Irgendwann, so ist meine Hoffnung, werden es die Menschen in Deutschland verstehen, was da abgeht und warum! Wenn es dann mal nicht zu spät ist! Aber die Hoffnung wollen wir nicht aufgeben!

  2. Als es dieser Tage bei Euch wieder los ging, eigentlich ist das schon nicht ganz richtig, denn wann hat es denn mal aufgehört, war ich in Gedanken bei Dir.
    Freue mich, dass Euch nichts passiert ist und bete darum, dass es so bleiben möge.
    Übrigens, wie geht es deinem Vater? Der steht auch noch auf meinem Fürbittzettel. Die Mutter war wohl auch nicht ganz in Ordnung?
    LG Paul

  3. Hallo Paul,
    die Kinder bleiben heute wieder zuhause. Ich hatte sie schon geweckt und war dabei, die Pausenbrote zu schmieren, als eine Gradrakete auf Ashdod fiel. Offensichtlich wurde sehr schnell zensiert, wo sie niederging, aber ich habe es noch mitbekommen. Danach beschlossen wir, kein Risiko einzugehen und die Kinder nicht in die Schule zu schicken.
    Meinem Vater geht es viel besser oder auch meine Mutter hat Hilfe mit der Pflege gefunden und ist weniger belastet.
    Vielen Dank fuer Deine Nachfrage!

  4. Einfach nur furchtbar. Ich hoffe der IDF gelingt es bald für Ruhe zu sorgen. Diese feige Art, eine Rakete nach der anderen auf Zivilisten zu schmeißen, ist exemplarisch für die moralische Verkommenheit der paläst. „Freiheitskämpfer“.

  5. So etwas wird in Israel zensiert? Findest Du das nicht empörend?

  6. Markus,
    ist Deine Frage ernst gemeint? Nein, natuerlich finde ich das nicht empoerend, sondern sehr richtig, und die Medien, die anfangs die Bilder sendeten, dank derer ich den Einschlagsort identifizieren konnte, handelten unverantwortlich.
    Wir haben nicht das geringste Interesse daran, Hamas und Konsorten beim besseren Zielen zu helfen.

  7. Der RBB hat im Zusammenhang mit der beginnenden Offensive gemeldet, dass es Raketen aus dem Gazastreifen regelrecht auf Israel „regnet“. Es wird also erfreulicherweise nicht immer nur antiisraelische Propaganda gemacht. Hoffen wir, dass das nicht die sprichwörtliche Schwalbe ist, die keinen Sommer macht.

  8. Ruth, wo seid Ihr? Wie geht es Euch? Beer Sheva ist wohl zur Zielscheibe Nr. 1 geworden. Seid Ihr im Norden?

  9. Liebe Ruth, ich fiebere mit dir/euch! Ich kann echt nicht glauben, dass Israel wieder einmal als Aggressor verunglimpft wird. Von Gewaltspiralen und sogar Eskalation durch die Israelis ist in manchen Medien die Rede. Einfach unfassbar! Was wird Juden noch alles verlangt, dass sie gefälligst tatenlos hinzunehmen haben??? Ich bin sprachlos, desillusioniert und wütend!!!

  10. Liebe Ruth,
    bitte gib uns, wenn es die Situation zulässt, ein kurzes Lebenszeichen.
    Gruss
    Urs

  11. @baer48: Vielleicht ist es einfach nur der falsche Wochentag für ein Lebenszeichen.😉

  12. @Manfred
    Klar.

  13. Liebe Ruth,
    ich setze dies hier rein, obwohl Du es wohl erst morgen Sonntag lesen wirst; http://www.mideastfreedomforum.org/ (Kundgebung am 18. November 2012 in Berlin:
    Solidarität mit Israel!
    Befreit Gaza – von der Hamas!)

  14. Ich sehe gerade; Lila hat wieder etwas in ihrem Blog notiert:

    „Niemand kann wohl die Bilder der Zerstoerung im Gazastreifen mit Genugtuung sehen – nach den rein militaerischen Zielen wie Raketenabschussgruben sind nun die Regierungsgebaeude dran, eines nach dem anderen. Die Armee hat genaue Informationen ueber jedes Haus, ueber jede Raketenfabrik, ueber jedes Gebaeude und jeden Beamten und jeden Freelancer, der in den letzten Jahren am Raketenbeschuss auf Israel beteiligt war, an Planung und Ausfuehrung. Und ihnen allen schlaegt jetzt die Stunde. Es ist nicht schoen anzusehen, auch wenn es militaerisch gesehen logisch ist“.
    Weiter hier: http://rungholt.wordpress.com/2012/11/17/palaestinensisches-roulette/

  15. […] Wie es Eltern im Süden Israels ergeht – und diese sind eigentlich noch relativ sicher! […]

  16. Ruth, möchtest Du nicht mal eben „Piep“ sagen?

  17. Hallo Manfred, habe ein etwas laengeres Piep veroeffentlicht

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