Fortsetzung der Arafat-Seifenoper


Schon vor einem Jahr berichteten „Qualitaets“-Medien darueber, dass Arafat vermutlich an einer Poloniumvergiftung starb.

Niemand stellte damals die naheliegende Frage, wie hoch die Dosis angesichts der Funde in seiner Kleidung urspruenglich gewesen sein muesste und warum das Personal, das ihn im Militaerkrankenhaus Percy behandelte, offensichtlich nicht verstrahlt wurde.

Im Anschluss daran kamen Schweizer, russische und franzoesische Experten nach Ramallah, um von Arafats Leiche Gewebeproben zu entnehmen. Wir wissen jedoch, dass sie das nicht eigenhaendig getan haben: 

Tawfiq al-Tirawi, the head of the Palestinian committee investigating Arafat’s death, said it all went according to plan. „Only Palestinian hands touched the remains,“ he said.

Die Schweizer Experten bestaetigten das auf S.81 des Reports:

A Palestinian forensic medical investigator collected twenty specimens from President Arafat’s corpse and grave during exhumation, in the presence of three international teams.

Wir wissen, dass keine Kameras die Exhumierung ueberwachten, und dass das Mausoleum schon Tage vorher abgeschirmt war. Und dass die Untersuchungsergebnisse von Al-Jazeera exklusiv erworben wurden,  Anscheinend haben palaestinensische Stellen Al-Jazeera die Untersuchungsergebnisse zugespielt (und dem britischen Guardian dann wohl auch?),  Prof. Barclay wurde tatsaechlich von Al-Jazeera engagiert, um die Ergebnisse zu interpretieren.

Der Leiter des russischen, forensischen Teams gab uebrigens vor etwa einem Monat schon bekannt, dass kein Polonium gefunden wurde. Seine Behoerde (Federal Medico-Biological Agency) deklarierte jedoch anschliessend, es habe sich dabei nicht um eine offizielle Stellungsnahme gehandelt. (Vermutlich zahlt Al-Jazeera bei negativem Befund nicht fuer die Ergebnisse.)

Das Schweizer Team formuliert nur zwei Moeglichkeiten (s. 67):

Hypothese 0: Arafats Tod wurde nicht durch Polonium-210-Vergiftung verursacht.
Hypothese 1: Arafats Tod wurde durch Polonium-210-Vergiftung verursacht.

Darauf folgt eine nette Tabelle mit Argumenten jeweils in der relevanten Spalte.

In den Entnahmen von Arafats Leiche und Grab fand sich kein Polonion 210, sondern nur Blei 210.
Nur auf den bereits ein Jahr vorher untersuchten persoenlichen Gegenstaenden hatten sich „unerwartet“ (ich haette ja formuliert „laecherlich“) hohe Werte von Polonium 210 gefunden. In den Proben aus dem Grab konnte kein Polonium 210 gemessen werden, nur ebenfalls „unerwartet“ hohe Werte an Blei 210. Po210 und Pb210 treten in einer Weise zusammen auf, die ich nicht verstehe, die aber offensichtlich fuer die Untersuchung von Boeden und Wasser eine Rolle spielt.

Wenn es korrekt ist, dass eine Substanz umso gefaehrlicher ist, je kuerzer die Halbwertszeit, dann ist Pb 210 mit ca. 22 Jahren deutlich weniger brisant als Po 210 mit 138 Tagen.

Die dritte Hypothese: Proben wurden praepariert, um es so aussehen zu lassen, als waere Arafat an Polonium-210-Vergiftung gestorben, wird in den Medien von niemandem ernsthaft betrachtet.

Mir scheinen die Ergebnisse des Schweizer Institutes wuerden am besten zu dieser 3. Hypothese passen. Dass die persoenlichen Gegenstaende praepariert gewesen sein mussten, war schon vor einem Jahr augenscheinlich. Dass bei der Exhumierung die Moeglichkeit bestand, Proben zu kontaminieren, ist ebenfalls klar. Nachdem Po 210 wirklich ein gefaehrlicher Stoff ist, wuerde es sehr viel Sinn machen, fuer diese Praeparierung das weniger riskante Pb 210 zu verwenden.

Die Schweizer Schlussfolgerung (S. 69) ist auch mit einigen Vorbehalten verfasst:

VI.7 Conclusion

(…) The hypothesis that poisoning with polonium-210 was the casue of teh clinical symptoms was proposed eight years after his death when new toxicological and ratio-toxicologial investigations were performed, demonstrating unexpected high levels of polonium-210 and lead-210 activities in many of the analyzed specimens.

Taking into account the analyctical limitations aforementioned, mostly time lapse since death and the nature and quality of specimens, the results moderately support the proposition that the death was the consequence of poisoning with polonium-210.

Wenn ich den starken Verdacht haette, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, aber dafuer bezahlt werde, etwas ganz Anderes herauszufinden, wuerde ich vermutlich aehnlich formulieren.

Update: Seit 18 Minuten steht folgende Auslandsnachricht in der NZZ:
Letzter Nachweis für Giftmord Arafats fehlt

(dpa) Für einen Giftmord an Palästinenserführer Yasir Arafat mit Polonium 210 fehlen nach Aussage von Schweizer Experten letzte Beweise. Es könne zum jetzigen Zeitpunkt nur nicht ausgeschlossen werden, dass Arafat vergiftet worden sei, betonten die Schweizer Mediziner vom Institut für Radiophysik der Uni-Klinik von Lausanne (CHUV) am Donnerstag.

Schwieriger Nachweis Jahre später

Sie hatten Proben von Knochen und Kleidung Arafats untersucht. Für Gewissheit würden noch viel mehr Informationen gebraucht, sagte François Bochud, Chef der Strahlenphysik. Die Analysen seien besonders schwierig gewesen, da acht Jahre zwischen dem Tod Arafats und dem Beginn der Untersuchungen gelegen hätten.

«Wir konnten nicht kontrollieren, dass die Proben unter Bedingungen konserviert worden sind, die wir uns gewünscht hätten», sagte Patrice Mangin, Chefforensiker der Uniklinik.

(Hervorhebung von mir)

Mir tun die Schweizer Wissenschaftler ein bisschen leid. Sie haben wahrscheinlich eine Vorstellung davon, wie sie manupuliert und instrumentalisiert werden, muessen aber Ruecksichten nehmen – politische (mit Muslimen im allgemeinen und den Palaestinensern im speziellen sollte man sich gut stellen) und finanzielle (was bekommt das Institut fuer seine Untersuchungen und Gutachten?) So verstecken sie sich hinter Einschraenkungen und Winken mit dem Zaunpfahl.

Update zum Update (21.20 MEZ): Inzwischen hat die NZZ den oben zitierten Text voellig umgeschrieben und auch den Titel veraendert. Der zitierte Text ist geloescht worden. War der Wink mit dem Zaunpfahl zu deutlich ruebergekommen? Gab es Beschwerden? Von wem?

Das Argument, mit dem regelmaessig auf Israel verwiesen wird, Polonium sei schwer zu beschaffen und nur Atommaechte koennten darueber verfuegen, scheint falsch zu sein. Im neuen Artikel unter dem alten Link lesen wir:

Auf die Frage der Quelle erklärte Bochud, sein Institut habe auf dem „freien Markt“ solches Plutonium 210 in flüssiger Form erwerben können.

Neu erfahren wir aus diesem Text auch, dass alle Gewebeproben aus dem frz. Militaerkrankenhaus Percy vernichtet wurden, so dass sie unmoeglich untersucht werden koennen. Die Krankenakte ist weiterhin top secret und eine Autopsie wurde damals auch verhindert, aber nicht durch Israel.

Sehr gute Zusammenfassung, warum das Ganze Bloedsinn ist, findet sich hier, und in den Kommentaren dazu.

Die Schweizer muessen wissen, dass sie sich fuer eine neue Ritualmord-Beschuldigung gegen Israel hergeben. Patrice Mangin und Francois Bochud, die Namen werden wir uns merken muessen.

5 Antworten

  1. Test

  2. Ging nur um die Anmeldung.

  3. Die 3. Hypothese ist eine Variante der Hypothese N°0 „nicht vergiftet“.
    Vorsicht mit Verurteilungen gegen die Wissenschaftler; was die wirklich gesagt haben, muß nicht dem entsprechen, was in der Zeitung steht – und erst recht nicht, wenn die ZEitung ihren Artikel komplett neuschreibt. Außerdem sind sie Wissenschaftler und äußern sich zu wissenschaftlichen Fragen – nicht zu politischen. Das heißt, sie sagen, was sie belegen können (Blei), was sie nicht belegen können (Polonium-Vergiftung), aber auch, was sie nicht ausschließen können (dieselbe Polonium-Vergiftung). Daraus ein Urteil zu fällen ist nicht ihre Aufgabe.

  4. […] angebliche Vergiftung Arafats mit Polonium: – Fortsetzung der Arafat-Seifenoper – “Man kann es aber auch nicht ausschließen” – Nuklear-Experte: Arafat vermutlich nicht mit […]

  5. Wolfram, Du hast wohl Recht, aber Patrice Mangin und Francois Bochud lesen die NZZ und andere Medien wohl auch und koennten, sollten sich zu Wort melden, wenn ihre Ergebnisse gar zu verdreht und aufgebauscht berichtet werden.

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