Samuel Tadros: Die Urspruenge des Antisemitismus in Aegypten


Dem Namen nach stammt Samuel Tadros aus einer aegyptischen, koptischen Familie, der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit ist offensichtlich Aegypten.

Sein neuester Text behandelt Antisemitismus in Aegypten und erscheint mir so wichtig, dass ich ihn in voller Laenge ins Deutsche uebersetzen werde. Leider habe ich es nicht mehr rechtzeitig zum Holocaustgedenktag geschafft.

Die Ursprünge des ägyptischen Antisemitismus

Samuel Tadros

Die eine Idee, die Ägypter, vom Liberalen bis zum Islamisten, verbindet, ist der Antisemitismus. Woher kommt er? Warum ist die ägyptische Kultur so durchtränkt mit dieser giftigen Ideologie? Und was bedeutet das für die Welt und Ägyptens Zukunft?

Original veröffentlicht am 21. April 2014

„Sisi ist Jude und Ägypten ist nun zionistisch besetzt!“ So kreischte am 21. September 2013 die Schlagzeile von Rasad, dem von der Muslimbrunderschaft gegründeten und unterstütztem Nachrichtenportal. Die Story unter der Schlagzeile benutzt als Quelle die auf antisemitische Verschwörungstheorien spezialisierte Webseite „Veterans Today“, als US-Seite verleiht sie in ägyptischen Augen einen Anstrich von Glaubwürdigkeit. Der Artikel erklärt, General Abdel Fattah al-Sisi, Ägyptens Verteidigungsminister und de facto Herrscher sei Jude nach Abstammung, weil seine Mutter eine marokkanische Jüdin namens Malika Titani sei. Sisis Onkel mütterlicherseits heisse Youri Sabbagh und wird als wichtiger Zionist beschrieben, der in Ben Gurions Partei gedient habe. Die Informationen aus diesem Artikel wurden Tausende Male zitiert, wenn man inzwischen Sisis Name auf Arabisch in Google eingibt, erhält man als erste Suchoption „Sisi Jude“.

Als vor zwei Monaten Ägyptens Übergangspräsident Adly Mansour vereidigt wurde, veröffentlichte Ikhwanonline.com, die offizielle Webseite der Muslimbruderschaft einen Text, worin er zum Juden erklärt wurde. Als Beweis wurde im Artikel, der inzwischen entfernt wurde, erklärt, dass Mansour ein Siebenter-Tag-Adventist sei, und natürlich wissen alle ägyptischen Verschwörungsexperten, dass es es sich dabei um eine jüdische Sekte handelt.

Die Gegner der Muslimbruderschaft in Ägypten stehen nicht dahinter zurück und zeigen sich genauso geschickt darin, antisemitische Verschwörungstheorien zur Muslimbruderschaft zu entwickeln. Laut einem Kolumnenschreiber in Ägyptens führender, unabhängiger Zeitung, Al Masry Al Youm, gab Präsident Obama der Muslimbruderschaft im Geheimen 8 Milliarden Dollar dafür, dass 40% der Sinaihalbinsel der Hamas überlassen würden und Israel wieder die Kontrolle über den Gazastreifen erhalten sollte. Die Vereinigten Staaten waren anscheinend so unter Schock über die Absetzung von Präsident Mursi, dass der Kongress derzeit eine Anklage wegen Amtsvergehen gegen Präsident Obama einleitet, weil so viel US-Geld verschwendet wurde. Diese „Tatsache“ wurde in hunderten Artikeln in der ägyptischen Presse und im ägyptischen Fernsehen wiederholt. Der frühere stellvertretende Leiter des ägyptischen Geheimdienstes hat weiterhin live im Fernsehen bestätigt, dass Präsident Obama der Bruderschaft in Wirklichkeit nicht 8 sondern 25 Milliarden gegeben habe. Dieser Betrag enthalte 10 Milliarden für die Abtretung des südlichen Sinais an Israel. Die Bruderschaft, so erklärte der frühere Geheimdienstoffizier, gehört zu den von den USA ausgeheckten Plänen, die Region zu zersplittern. Die Pläne wurden natürlich von niemand anderem entwickelt als dem Historiker des Nahen Osten, Bernard Lewis, wie Ägyptens Regierungszeitung Al Ahram bezeugt.

Ägyptische Theorien zum Entstehung der Bruderschaft sind nicht weniger einfallsreich. Der Gründer der Muslimbruderschaft, Hassan El Banna, sei ein Jude gewesen. Beide Eltern wären Juden aus Marokko gewesen und er wurde von den Zionisten in Ägypten eingeschleust, zum Zweck, die Bruderschaft aufzubauen, wie eine andere Regierungszeitung behauptet. Als Beleg bietet die Zeitung zahlreiche Fakten an, wie dass Bann im Bezirk Behira geboren wurde, wo die meisten Juden lebten, dass er Sufi sei wie die meisten Juden auch, und sein Vater reparierte Uhren, wobei Uhrmacher traditionell ein jüdischer Beruf war. Neun Monate früher erklärte ein pensionerter Armeegeneral Al Ahram, dass Banna tatsächlich Jude und die Gründung der Bruderschaft Teil einer jüdischen Verschwörung gewesen sei, um Zwietracht unter Muslimen zu säen und Ägypten zu teilen, damit die Juden es besetzen können.

Dass dieser Antisemitismus und die ihn begleitenden Verschwörungstheorien tief im islamistischen Diskurs in Ägypten verankert sind, wird niemanden überraschen, der sich mit Ägypten oder Islamismus auskennt, obwohl die Vorhersehbarkeit das Staunen über die bizarre und verschwurbelte Natur dieser Behauptungen in diesen and anderen Fällen nicht mindert. Noch erschreckender mag für einen aussenstehenden Beoabachter die Verbreitung antisemitischer Verschwörungstheorien unter Ägyptens Nicht-Islamisten sein, einschliesslich selbst erklärter Liberalen und sogar in der christlichen Minderheit. Antisemitismus ist nicht nur der dominante Diskurs im Land, sondern die einzige Weltsicht, die über das gesamte politische Spektrum und auf allen Ebenen der politischen Klasse in Ägypten geteilt wird.

Angesichts dieser weitverbreiteten Anziehungskraft und der Tatsache, dass sich unter Ägyptens Intellektuellen und Politikern kaum Widerspruch dagegen rührt, gehen Beobachter davon aus, dass das Phänomen tiefe, historische Wurzeln haben muss. Solche Annahmen sind jedoch fehlgeleitet. Vor noch nicht so langer Zeit waren ägyptische Intellektuelle und Politiker nicht nur keine Antisemiten, viele von ihnen waren Philosemiten und zeigten sogar pro-zionistische Neigungen. 1920 war es für einen führenden ägyptischen Intellektuellen nicht ungewöhnlich zu erklären, „der Sieg des zionistischen Ideals ist auch ein Sieg meines Ideals.“

Wie wurde in Ägypten ein solch umfassender Konsens zur Existenz einer Jüdischen Verschwörung erreicht, bei dem die einzigen Meinungsverschiedenheiten sich darauf beschränken, wer die Marionetten sind? Warum ist ägyptische Kultur so durchtränkt mit Antisemitismus? Um diese Fragen zu beantworten, muss man damit anfangen, die verschiedenen Formen des Antisemitismus und ihre Grundlagen in Ägypten zu identifizieren.

formen des antisemitismus

Der Ausgangspunkt des antisemitischen Weltbilds in Ägypten ist wie anderswo auch, die bösartige Natur des Juden. Während dieser Fakt gegeben ist, bleibt seine Herkunft umstritten. Wer mehr europäischer, antisemitischer Literatur ausgesetzt war, sieht die jüdische Bösartigkeit als rassische Eigenart. Das weiter verbreitete Narrativ führt die jüdische Bösartigkeit auf den jüdschen Glauben zurück. Das jüdische Volk als Kollektiv (und für Antisemiten gibt es keine Individualität für Juden) ist die Hauptquelle für alles Böse seit undenklichen Zeiten. Dieses Böse wird oft belegt, indem historische Narrative jüdischer Bösartigkeit und jüdischen Verrats über die Zeiten konstruiert werden. Geschichten zum Konfikt zwischem dem Propheten des Islams und jüdischen Stämmen wärhrend der Gründungszeit des Islams sind daher ein beliebtes Thema für Islamisten, besonders in Verbindung mit Anekdoten über Juden als Prophetenmörde und Verweigerer der göttlichen Botschaft.

In diesem Glaubenssystem streben Juden aufgrund ihrer bösartigen Natur natürlich danach, anderen zu schaden. Wer diese „anderen“ sind, ist umstritten. Für manche ist es der Islam selbst, den Juden als ihren natürlichen Feind betrachten. Andere wiederum sehen das arabische Volk in dieser Rolle; für ägyptische Nationalisten ist es Ägypten, das die Juden vernichten wollen; wieder andere meinen, dass Juden einfach die gesamte Menschheit hassen. Jüdischer böser Wille wird in mannigfaltiger Art enthüllt. Manchmal berufen sich Antisemiten auf europäische Themen, wie der Vorwürfe Brunnenvergiftung und Ritualmord. Die Damaskus-Affaire ist immer noch eine der am meisten geglaubten und verbreiteten Geschichten in dieser Hinsicht. Fälschungen aus dem Talmud sind ebenfalls gängig. Einige dieser Themen bekommen eine modernere Form, wenn die Blutanschuldigung durch den Vorwurf ersetzt wird, dass Juden Organe stehlen, oder wenn statt Brunnenvergiftung Juden nachgesagt wird, sie hätten ägyptischen Boden mit krebserzeugenden Pestiziden kontaminiert, um die Bevölkerung zu töten.

Jüdischer Hass auf Ägypten und sein Volk erschliesst sich dem Antisemiten auch in neueren Formen. Juden versuchen natürlich Ägyptischen an allen Fronten zu unterminieren. Daher ist die Entdeckung von HIV-Fällen ein klarer Beweis dafür, dass Juden Ägyptens Jugend zerstören wollen, ein Thema, mit dem sich viele ägyptische Filme beschäftigen. Für diejenigen, die den anhaltenden Niedergang in öffentlicher Moral und Tradition und ihre Verdrängung durch westliche Popkultur beklagen, ist die einzig logische Erklärung eine Jüdische Verschweorung zur Verderbung der ägyptischen Jugend. Insgesamt wird jüdisches Wirken in jedem Unglück gesehen, das Ägypten widerfährt – und es gibt jede Menge Unglück. Juden stiften insgeheim sektiererischen Hass zwischen Christen und Muslimen in Ägypten. Juden unterminieren Ägyptens Einigkeit und wollen das Land spalten. Juden streben danach, Fortschritt und Wohlstand in Ägypten zu verhindern. Die Liste ist endlos und dient sowohl als allgemeiner Rahmen und als naheligende Erklärung, wenn etwas Schlechtes im Land passiert, seien es Haiattacken im Sinai oder der Anschlag auf die Zwei-Heiligen-Kirche an Sylvester.

Eine bösartige Natur an sich ist noch nicht ausreichend um die den Juden zugeschriebene Rolle zu erklären, soviele Desaster auszulösen. Die fehlende Zutat ist der jüdische Drang zur Weltherrschaft. Diese Weltherrschaft ist überall offenbar, von der Kontrolle der Finanz-Institutionen zur Medienherrschaft in den Vereinigten Staaten. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ sind nicht nur überall in Ägypten erhältlich, wichtiger, sie werden weithin geglaubt und ihre Authentizität wird nicht in Frage gestellt. Die auf ihnen basierende Miniserie „Reiter ohne Pferd“ wird immer wieder auf ägyptischen Fernsehkanälen ausgestrahlt. Die Themen der Protokolle bildeten eine wichtige Grundlage eines einstündigen Vortrags vor der gesamten Armeeführung in Anwesenheit von General Sise im April 2013. Ebenfalls anwesend, als spezieller Gast der Armee war Mohammed Sobhy, der Hauptdarsteller dieser Serie. Sogar der ehemalige Präsident Hosni Mubarak spielte auf die Protokolle an, als er Ägypter vor Rufen nach einer Dezentralisierung warnte, die er als Versuche, Ägypten zu spalten, anprangerte.

Die jüdische Verschwörung und die bösartige Natur des Juden sind nicht nur offensichtlich in Ereignissen, die sich auf Ägypten beziehen, sondern auch in internationalen Entwicklungen. Die weltweite Finanzkrise 2007/2008 ist daher natürlich ein Teil der Jüdischen Verschwörung. Die Terroranschläge von 9/11 werden oft von antisemitischen Verschwörungstheoretikern angeführt, die darauf bestehen, dass Israel hinter den Anschlägen stecke. Als Beleg bieten sie die Lüge an, dass an diesem Tag 4000 Juden nicht zur Arbeit in die Zwillingstürme gekommen seien. Sogar diejenigen, die nicht öffentlich Israel für die Anschläge verantwortlich machen, bezweifeln oft die offizielle Darstellung. Querbeet über Ägyptens polistisches Spektrum leugnen Politiker und Intellektuelle immer noch Bin Ladens Verantwortung für die Anschläge. Zu ihnen gehört nicht nur der ehemalige Präsident Mohamed Morsi, sondern auch der ehemalige Präsident Hosni Mubarak, der nicht glauben will, dass junge, untrainierte Arabar so etwas fertig bringen könnten und der annimmt, dass es sich um eine Verschwörung handelt, um US-amerikanische Einmischung in der Region zu ermöglichen.

Der Holocaust steht nach wie vor im Zentrum der antisemitischen Weltanschauung in Ägypten. In seiner Erklärung des anhaltenden arabischen Dilemmas der Araber mit dem Holocaust, schreibt Mikael Tassaveinen:

„Die westliche Betrachtung dieses Ereignisses kann von der arabischen Welt nicht akzeptiert werden, weil die Juden darin als unschuldige Opfer vorkommen. Eine solche Rolle als Opfer für die Juden widerspricht jahrzehnterlanger, intensive antijüdischer und antisemitischer Propaganda im arabischen, öffentlichen Diskurs, eine Propaganda, die in den Jahren nach dem Holocaust sogar noch gesteigert wurde.“

Einfach ausgedrückt: ein Jude kann kein Opfer sein, wenn er, wie die Antisemiten glauben, die Verkörperung des Bösen ist. Darüber hinaus glauben die Ägypter, dass europäische Schuldgefühle nach dem Holocaust der Grund für die Schaffung des Staates Israel war; durch die Leugnung des Holocausts wird daher auch die Legitimität dieses Staates geleugnet.

Aussenstehende Beobachter sind oft perplex über die widersprüchlichen Reaktionen und Narrative, die Ägypter und Araber im allgemeinen gegenüber dem Holocaust an den Tag legen. Auf der einen Seite ist die Leugnung des Holocaust weit verbreitet. Islamisten und selbsterklärte Liberale vermitteln dieselbe Botschaft: Der Holocaust hat entweder nie stattgefunden oder er wurde enorm übertrieben. Gleichzeitig wird Israel beschuldigt, die Erinnerung an den Holocaust zu Propagandazwecken auszubeuten, um damit seine Existenz zu rechtfertigen. Filme wie „Schindlers Liste“ werden als Teil einer solchen Kampagne gesehen und sind daher verboten. Andererseits ist Hitler nach wie vor eine sehr populäre Gestalt in Ägypten, Leute zitieren seine antisemitischen Äusserungen und feiern sein Vorgehen gegen Juden. Darüber hinaus wird Israel oft mit Nazideutschland verglichen und beschuldigt, einen Holocaust in Palästina zu verüben. Und zu alledem kommt noch die oft verkündete Drohung, dass die Juden ein neuer Holocaust durch Muslime bevorsteht.

Die Quellen und die geschichte des antisemitismus

Auf der Suche nach den Wurzeln des Antisemitismus in Ägypten und der weiteren arabischen und muslischen Welt, verweisen Beobachter häufig auf zwei hauptsächliche Quellen: Entweder Islam oder Israel. Diejenigen, die die erste Option für richtig halten, betrachten den Islam als antisemitische Religion voller Anekdoten und Narrative, welche die bösartige Natur des Juden und die historischen Konflikte zwischen dem Propheten und jüdischen Stämmen in den frühen Jahren betonen. Dieser Erklärung zufolge ist der moderne Antisemitismus nur eine Fortsetzung des früheren, traditionellen religiösen Judenhass.

Unzweifelhaft machen Antisemiten in Ägypten und anderswo in der arabischen Welt fleissig Gebrauch der koranischen Verse und dem Propheten Mohamed zugeschriebenen Hadithen in ihren antisemitischen Polemiken. Den Antisemitismus vom Koran abzuleiten, führt jedoch zu bedeutenden historischen Trugschlüssen. Wie Martin Kramer aufzeigt, kennt die islamische Tradition das christliche Konzept des Ewigen Juden nicht. Unter islamischer Herrschaft waren Juden keineswegs gleichberechtigt, trotzdem wurden sich nicht mit dem Hass und der Verfolgung behandelt, wie ihre Glaubensgenossen sie in Europa erleiden mussten. Ein Grund für diese Behandlunge war die Tatsache, wie Bernard Levis in einem seiner Bücher ausführt, dass im islamischen Mittelalter die Juden nicht als ernsthafte Bedrohung oder Konkurrenz gesehen wurden. Diese Rolle war reserviert für die konkurrierende Religion und Zivilisation, die die islamische Welt militärisch bedrohte: das Christentum. Wichtig ist auch zu beachten, dass die Ableitung des Antisemitismus vom Islam nicht erklärt, warum Antisemitismus auch unter Nicht-Muslimen und Nicht-Islamisten in Ägypten weit verbreitet ist. Auch wenn heutige, muslimische Antisemiten den Koran und die Hadithen sehr effektiv einsetzen, verstärkt das nur ein bereits vorhandenes Weltbild. Die Quelle des modernen Antisemitismus muss anderswo gesucht werden.

Die alternative Erklärung, der die Linke zum grösten Teil anhängt, ist, dass Antisemitismus in der arabischen Welt nur eine Reaktion auf die Entstehung des Staates Israel und den fortdauernden arabisch-Israelischen Konflikt sei. In ihrer gutartigsten Form signalisiert diese Sicht, dass die Araber einfach konfus sind. In Wirklichkeit sind sie anti-Israel und antizionistisch eingestellt und können nur nicht zwischen Juden und Israel unterscheiden. Eine Lösung des Palästinenserproblems würde demgemässt den Antisemitismus beenden. Wie in einem Artikel der BBC formuliert: „Das bedeutet, dass wenn und sobald ein echter Friede kommt, werden die ägyptschen Medien bald ihre antisemitische Linie vergessen.“ In seiner bösartigen Variante macht diese Erklärung Israel und die Juden verantwortlich für das Ansteigen des Antisemitismus in der Region.

Diese Erklärung ist nicht weniger zweifelhaft als diejenige, die das Erstarken des Antisemitismus auf den Islam zurückführt. Während die Gründung des Staates Israel und der fortdauernde arabisch-israelische Konflikt in der Tat den Antisemiten vielerlei Werkzeuge liefern, können sie doch kaum die Ursache des Antisemitismus sein, weil sie nicht erklären können, warum der Antisemitismus nach dem Friedensprozess zwischen Israel und seinen Nachbarn stärker statt schwächer wurde. Sie können auch den Philosemitismus in Ägyptens politischer und intellektueller Elite nicht erklären, nachdem die zionistische Bewegung bereits im Gange war, oder gar die prozionistische Einstellungen in den 1920er Jahren. Zu dieser Zeit sahen ägyptische Intellektuelle keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Nationalismus und Zionismus; im Gegenteil sahen sie bedeutenden Spielraum zur Zusammenarbeit. Juden wurden nicht als Fremdkörper in der Region vielmehr als natürlich zu ihr gehörend betrachtet. Tatsächlich könnte die umgekehrte Theorie mehr Wahrheit beinhalten: viele Ägypter sind nicht Antisemiten, weil sie gegen Israel sind, sondern sie sind gegen Israel, weil sie vorher schon Antisemiten wurden.

Während diese beiden Theorien dominieren, um den Antisemitismus zu erklären, verdient eine dritte Erklärung ein paar Worte. Manche Beobachter machen die arabischen Regime für die Anziehungskraft des Antisemitismus in ihren Bevölkerungen verantwortlich. Nach dieser Theorie haben die arabischen Regime den Antisemitismus geschürt, um den Zorn ihrer Völker über ihre armseligen Lebensbedinungen von sich abzulenken. Anstatt ihre Herrscher verantwortlich zu machen, schieben die arabischen Bevölkerungen die Schuld auf Juden und ihre antiarabischen Verschwörungen. Etwas Wahres ist an dieser Erklärung. Die arabischen Herrscher schürten tatsächlich Antisemitismus (wie ich im weiteren untersuchen werde), aber das taten sie im Rahmen einer Ideologie. Antisemitismus in der arabischen Welt ist tatsächlich eine Ideologie, nicht nur eine Art Vorurteil. Damit die Massen sie verinnerlichen, muss sie weithin attraktiv sein. Ausserdem, wenn die arabischen Regime ab Nasser für die weite Verbreitung des Antisemitismus verantwortlich wären, wie kann dann die Attraktivität des Antisemitismus vor Nasser erklärt werden? Sicher kann der Staat Ägypten vor 1952 nicht beschuldigt werden, aktiv Antisemitismus verbreitet zu haben. Woher kannen also Nasser und seine gleichgesinnten Antisemiten?

Um die Wurzeln des Antisemitismus in der arabischen Welt im Allgemeinen und in Ägypten im Besondern zu verstehen, müssen wir tiefer schürfen. Wir müssen sowohl die Krise der Moderne in der arabischen Welt und den Import europäischer Ideen und Ideologien betrachten.

Die Krise der Moderne in der arabischen Welt begann mit der plötzliche Erkenntnis, wie weit der Westen fortgeschritten war und in welch miserablem Zustand sich im Vergleich dazu die arabische und muslimische Welt befand. Über Jahrhunderte von den Entwicklungen in Europa abgeschottet, waren die Ägypter – erst ihre Herrscher und Intellektuellen, aber danach auch die breite Bevölkerung – schockiert, dass die Franzosen, die unter Napolean an ihren Küsten landeten, nicht mehr dieselben Franken waren, die sie während der Kreuzzüge besiegt hatten. Der Schock der Erkenntnis, wie sehr der Westen technologisch, materiell und militärisch überlegen war, erschütterte die existierende politische Ordnung und verlangte eine Antwort. Der ursprüngliche Ansatz, einfach westliche Technologie zu importieren und zu kopieren, erwies sich als nicht ausreichend, da sich die Kluft zwischen Ägypten und der westlichen Welt verbreiterte. Besetzung durch eruopäischen Mächte verschärfte die Krise noch. Diese Krise kreiste um zwei Fragen: „Was lief falsch?, wie Bernard Lewis akkurat zusammenfasste und „Wie können wir aufholen?“

Eine Zeitlang war angesagt, den Westen in Praxis und Erscheinungsbild zu kopieren. Das war der Moment des Triumphs der Modernisierung, des Liberalismus und der Verwestlichung in Ägypten. Ahmed Lutfi El Sayed entwicklete einen ägyptischen Nationalismus, und der Kampf um die Unabhängigkeit von den Briten einte die Nation. Bald aber bekam das Bild Kratzer. Ägypten schaffte es nie, zum Westen aufzuholen. Der Westen, von Grossbritannien verkörpert, erwies sich als unwillig, demokratische und liberale Werte in Ägypten hochzuhalten, und vor allem zerriss die Modernisierung die Gesellschaft, ohne dass dafür viel Gewinn gesehen werden konnte. Die Einführung von Bildung für die Massen, Industrialisierung und Verstädterung brach die traditionelle Gesellschaft auf, aber eine moderne Gesellschaft war noch nicht geschaffen worden. Tausende strömten in die Städte auf der Suche nach einer besseren Zukunft und wurden durch den Mangel an ihnen offenstehenden Chancen schockiert. Das war Nassers Generation, eine Generation, die in der ägyptischen Geschichtsschreibung als „die neuen Effendis“ beschrieben wird. Der letzte Strohhalm war die westliche Disillusionierung gegenüber den Versprechen der liberalen Demokratie und das Aufsteigen von kommunistischen und wichtiger noch faschistischen Regimen in Europa.

Verschiedene Ideen ersetzten den Glauben an Liberalismus: Einige verloren den Glauben an die Moderne selbst und versuchten zu traditionellen Formen der Identität und Lebensweise zuruckzukehren. Andere liessen sich von den totalitären Ideen bezaubern, die aus Europa kamen. Über das ganze politische Spektrum argumentierten Leute, dass die liberale Demokratie gescheitert sei und dass nur die starke Hand des Staates, oft von einem Diktator geführt, Ägypten aus seinen Problemen retten und es den Anschluss an die westliche Welt finden lassen könnte. Nazideutschland und das faschistische Italien wurden für viele Leitbilder. Am wichtigsten für unsere Frage hier ist: Enttäuschung führte zur Frustration. Ägyptens fortdauernde Fehlschläge führten zu Ressentiments gegenüber dem Westen und zur Suche nach einer Erklärung. An diesem Punkt began eine unzweifelhaft europäische Ideologie fruchtbaren Boden zu fnden – Antisemitismus. Die Verantwortung für Ägyptens Scheitern, gegenüber dem Westen aufzuholen, lag nicht bei den Ägyptern, das kam, weil Juden sich gegen uns verschworen haben, um uns rückständig zu halten,

Als erste führten katholische Missionare den Antisemitismus in die Levante ein. Die Dreyfus-Affaire diente als eine der frühesten Episoden zur Verbreitung des Antisemitismus. Die Auswirkungen waren ala erstes unter levantinischen Christen bemerkbar, die Missionsschulen besuchten und in Frankreich ihre Inspiration suchten. Gegen Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre wurde der französische Einfluss durch Nazideutschland ersetzt. Jeffrey Herfs Buch „Nazipropaganda für die arabische Welt“ liefert aufschlussreiche Einzelheiten zur zielgerichteten Nazipropaganda, mit der ihre Ideen in der Bevölkerung der Region verbreitet wurden. Haj Amin El Husseinis Kooperation mit den Nazis wurde gründlich ausposaunt und verlieh ihr den islamischen Geruch, der ihr bis dahin gefehlt hatte, was sich als kritisch in ihrer fortdauernden Anziehungskraft erwies. Gelehrte haben den Nazikollaborateuren in der ägyptischen, faschistischen Bewegung „Junges Ägypten“ und unter den Islamisten weniger Aufmerksamkeit zugewandt.

Die Bemühungen der Nazis hatten einen dauerhaften Einfluss in Ägypten. Nasser und seine Mitoffiziere gehörten zu diesen Organisationen. Bewegungen, von der Muslimbruderschaft bis zu „Junges Ägypten“, arbeiteten mit den Nazis zusammen und wurden während ihrer Entstehungsphase nachhaltig von ihnen geprägt. In der Folge des Militärputsches von 1952 stieg der Antisemitismus von einer weithin attraktiven Ideologie zur Staatsdoktrin auf. Während einige Forschungsarbeiten sich mit der Rolle von deutschen Wissenschaftlern bei der Entwicklung des ägyptischen Raketenprogramms befassen, hat die Rolle von Naziideologen bei der Gestaltung des Erziehungswesen und der Propagandakampagnen in Ägypten weniger Aufmerksamkeit gefunden. „1956 engagierte Nasser Johann von Leers, einen der führenden antisemitischen Propagandisten des Naziregimes, um dem ägyptischen Informationsministerium dabei zu helfen, seine eigenen antisemitischen und antizionistischen Kampagnen zu entwickeln“ (Herf, Nazi Propaganda)

Sadats Entscheidung, den Kurs zu wechseln und Frieden mit Israel zu schliessen, bedeutete, dass der Staat nicht mehr die Kommandohöhen des Antisemitismus in Ägypten besetzte. Das entstehende Vakuum wurde von Intellektuellen aller Art gefüllt. Das bedeutet jedoch nicht, dass die staatliche Bürokratie und ihre Entscheidungsträger weniger antisemitisch geworden wären, nur mussten sie jetzt ihre Ideologie und Verschwörungstheorien verstecken, um keine negative Reaktionen bei ihren westlichen Schutzmächten auszulösen. Gelegentlich kam der Antisemitismus zum Vorschein, z.B. in Ereignissen, wie sie in diesem Artikel erwähnt wurde. Die Nominierung von Ägyptens Kulturminister Farouk Hosny für das Amt des  Vorsitzender der UNESCO war eine solche hässliche Episode.

Ägyptens neuere Geschichte ist eine Folge von Misserfolgen: das Scheitern der Modernisierung, der Fehlschlag, die Massen wie versprochen zu retten, ihre miserablen Lebensbedingungen zu verbessern und vor allem der Misserfolg des Landes, den Platz unter der Sonne zu finden, der ihm nach eigener Einschätzung zusteht. Niederlagen, Fehlschläge und Enttäuschungen haben dem Volk zugesetzt. Nur die Existenz einer Jüdischen Verschwörung gegen Ägypten, Araber und den Islam, kann Erleichterung bieten. Nur durch den Glauben, dass die Juden für ihre armselige Situation verantworlich sind, fühlen sie sich getröstet.

Diejenigen, die hofften, dass der Arabische Frühling einen frischen Wind in diese Region bringen würde, besonders auch hinsichtlich des Antisemitismusproblems, hatten bald ein böses Erwachen. Anstatt weniger anziehend zu werden, entwicklete sich der Antisemitismus zur Lingua Franca des gesamten politischen Spektrums in Ägypten. Angesichts von enormen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umbrüchen fand sowohl die politischen Eliten wie das einfache Volk in Ägypten die Antwort in der Jüdischen Verschwörung. Israel, die Türkei, die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und Qatar haben sich alle gegen Ägypten verschworen, kreischt ein sich selbst als Liberalen bezeichnender Ägypter. Die USA arbeiten gegen die Kopten zugunsten der Juden, schreit ein koptischer Aktivist. Die Bruderschaft setzt die Protokolle der Weisen von Zion um, schreibt die Zeitung, die einmal das Flaggschiff der ägyptischen Liberalen war. Israel will Ägypten in mehrer kleinere und schwächere Staaten spalten, schreibt eine andere Zeitung. Die Anführer der Bruderschaft sind freimaurerische Juden, behauptet ein Sufi-Führer. Nein, der Putsch wirkt zugunsten der Juden, deklariert die Webseite der Bruderschaft. All das sind Symptome einer verrotteten Gesellschaft.

SOLLTEN WIR UNS SORGEN MACHEN?

Wenn man sie mit Antisemitismus in Ägypten konfrontiert, tun das die meisten Ägypter grosso modo ab. „Wir können keine Antisemiten sein, weil wir ja selber Semiten sind.“ ist die beliebteste Antwort. Westliche Beobachter, die derartigen Unsinn nicht verwiederholen mögen, tendieren dazu abzuwiegeln, was die breite Anziehungskraft des Antisemitismus in Ägypten und der weiteren Region angeht: Das ist eine nur ein dummer Reflex in Reaktion auf den araisch-Israelischen Konflikt,“ ist die Einschätzung vieler. Ägypter sind nicht wirklich Antisemiten, jedenfalls nicht so wie Europäer, sie haben nur etwas gegen Israel und schaffen es nicht, zwischen Israel und den Juden zu differenziieren. Nachdem nach der Verfolgung unter Nasser ohnehin kaum noch Juden im Land leben, hat dieses Vorurteil keine Auswirkungen im Alltag und sollte uns keinen Anlass zur Sorge bereiten. Ägypten wird das Friedensabkommen mit Israel einhalten und die Entscheidungsträger des Landes benutzten zwar manchmal Antisemitus als Mittel zum Zweck, aber sie sind zu vernünftig, um auf solchen Blödsinn hereinzufallen.

Solche Ansichten sind nicht nur falsch, sie sind gefährlich. Wie ich gezeigt habe, sind die Entscheidungsträger in Ägypten selber alles andere als immun gegenüber Antisemitismus. Tatsächlich gehören sie zu den inbrünstigsten Gläubigen. Der fast universelle Glaube an die Existenz einer Jüdischen Weltverschwörung gegen das Vaterland in der Armeeführung, in den Geheimdiensten und unter den Beamten und Staatsangestellten ist gefährlich und beeinflusst die Wahrnehmung der Realität und daher auch der Politik. Unfähigkeit, die Welt sehen zu können, wie sie ist, und kausale Zusammenhänge zu begreifen, ist ein gefährlicher Zustand und kann zu katastrophalen Folgen führen.

Antisemitismus in Ägypten ist nicht einfach ein Vorurteil. Er bildet die Grundlage, von der aus seine Anhänger die Welt verstehen und interpretieren. Deswegen sollten eigentlich die Ägypter selbst sich in erser Linie Sorgen machen, dass ihre Politiker und Intellektuelle ihn weitgehend übernommen haben, wenigstens diejenigen, denen die Zukunft Ägyptens am Herzen liegt und die ihm wohl wollen. Walter Russel Mead argumentiert: „Fanatischer Antisemitismus zusammen mit einer Sucht nach unwahrscheinlichen Verschwörungstheorien ist ein sehr starker Indikator für eine heraufziehende nationale Katastrophe.“

Antisemitismus ist eine der Säulen des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Ägypten. Ein Land, das sich in solchem Irrsinn verzehrt, kann unmöglich eine blühende, freiheitliche Demokratie werden. Ägypten sollte nicht zu einer solchen Lage verdammt sein. Wer eine bessere Zukunft für sein Land anstrebt, sollte damit anfangen, dieses bösartige Monster frontal zu bekämpfen, bevor es sie alle auffrisst.

 

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