Wochenende mit Entfuehrung


Ich war so dumm und habe nicht nur diesen Artikel in der FAZ, sondern auch einen guten Teil der Kommentare dazu gelesen. Die Gehaessigkeit der meisten davon ist fast nicht ertraeglich. Auch die Berichterstattung der FAZ laesst an Klarheit zu wuenschen uebrig. Hier also meine Information:

Am Freitag, um 8:00 Ortszeit sollte eine Waffenruhe beginnen. Ich entschloss mich daher, erst nach 8:00 auf den Markt zu gehen. Am Freitag davor wurde ich auf dem Weg zum Markt von einer Sirene ueberrascht, da verging mir die Lust wieder. Als ich mit den Einkaeufen fertig und wieder im Auto war, hoerte ich im Radio schon, dass auf die Umgebung des Gazatreifens weiter Moerser geschossen werden und dass es um Rafah zu schweren Kaempfen gekommen sei. Das war damit der 6. Waffenstillstand, den die Hamas gebrochen hat.

In der Gegend um Rafah (an der aegyptischen Grenze) tauchten ploetzlich Terroristen aus einem Tunnel auf. Einer davon sprengte sich als Selbstmordattentaeter in die Luft. Das kostete zwei Soldaten das Leben. Die uebrigen Terroristen griffen einen dritten Soldaten und zerrten ihn mit sich in den Tunnel.

Das war offensichtlich eine im voraus geplante Aktion und kein spontanes Schiessen trotz Waffenstillstand.

Offensichtlich wurde umgehend das Hannibalprotokoll ausgeloest. Das ist das inzwischen verpflichtend vorgeschriebene Prozedere bei einem Entfuehrungsversuch, ich hatte schon darueber geschrieben.

Der bewaffnete Arm der radikal-islamischen Hamas, die Al-Kassam-Brigaden, hatte am Samstagmorgen bestritten, den vermissten Soldaten Hadar Goldin in seine Gewalt gebracht zu haben. „Wir haben den Kontakt zu den an dem Überfall beteiligten Kämpfern verloren, und wir vermuten, dass sie alle bei dem (nachfolgenden israelischen) Bombardement getötet wurden“, hieß es in einer Mitteilung. Dabei sei wohl auch der Soldat ums Leben gekommen.

Das waere dann das Resultat gewesen, sowohl Entfuehrer wie Entfuehrter wurden getoetet. Ob eine israelische Kugel Hadar Goldin toetete, oder ob die Entfuehrer ihn vorher schon umbrachten, kann ich nicht sagen.

In Israel ging man bis Shabbatausgang davon aus, dass Goldin lebend in die Haende der Terroristen gefallen war. Der Appell seiner Familie an die Nation, ihn nicht im Gazastreifen zurueckzulassen, war herzzerreissend.

Offensichtlich wurden jedoch im Tunnel nach der Entfuehrung – wann genau kann ich nicht sagen, ich wuerde Shabbat vermuten – Koerperteile gefunden, die sich Hadar Goldin zuordnen liessen und zweifelsfrei verrieten, dass er nicht mehr am Leben war. Nach juedischer Tradition reichen wenige Ueberreste aus, um eine Beerdigung durchzufuehren. So hat z.B. auch der Astronaut Ilan Ramon ein Grab. Die gefundenen Leichenteile von Hadar Goldin reichen fuer eine Beerdigung. Die Familie von Oron Shaul hat nicht einmal diesen Trost.

Die Unterstellung, dass Israel von Anfang an wusste, dass Hadar Goldin tot war und die Suche nach ihm unter heftigen Kaempfen in Rafah nur fortsetzte, um nach Belieben Palaestinenser toeten zu koennen, verraet eine antisemitische Einstellung: Der Jude mordet mit Lust Unschuldige.

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2 Antworten

  1. Es macht selbst nach den hinter uns liegenden Wochen Mühe, die Steigerungen dessen zu ertragen, was die – hier deutschen – Medien in der Israelberichterstattung zu leisten fähig sind. Ich weigere mich, in allen Fällen an den Pawlowschen Effekt zu glauben. Andererseits sind Journalisten nicht per se blöd, und momentan sehe ich noch keine verdeckt operierende mediale Gedankenpolizei ihnen die Finger auf die richtigen Tasten setzen. In einigermaßen hellen Stunden versuche ich zu verstehen, worin wenigstens jenseits der Lemminglinie der emotionale Mehrwert liegen könnte, verlässlich einseitig zu schreiben/berichten/moderieren, jedes Klischee zu bedienen, Interviewpartner der einen Seite geradezu zu kraulen und die anderen platt zu walzen. Wenn es wirklich die Lust ist, „den Juden“ zu schlagen, wird mir alles fremd.

    Das letzte Beispiel, über das ich immer noch nicht hinweg gekommen bin, ist ein Interview mit dem Soziologen Natan Sznaider aus Tel Aviv, das Friedbert Meurer vom DLF geführt hat. Hier ist der Link, wenn man die Nerven hat, sollte man es anhören, nicht lesen:
    http://www.deutschlandfunk.de/gaza-konflikt-israelisches-mitgefuehl-ist-zu-viel-verlangt.694.de.html?dram:article_id=293469

    Bereits der Artikelname ist eine Unverschämtheit, die Praxis der pejorativen Headline pflegt der Sender schon eine Weile.
    Die Fragen des Moderators zielten nur in eine Richtung, er wollte, so schien es, wenn nicht schon Gideon Levy, den hatte der Sender die Woche zuvor, so doch wenigstens jemanden, der sich und sein Land via Funk öffentlich erniedrigte. Es ging nicht um Eindrücke, es ging um Schuld, es ging um Blut. Und als Herr Meurer das nicht bekam, wurde er roh, insistierte auf entwürdigende Weise und, es war ekelerregend, er genoss es. Öffentlich-rechtlich.

    So etwas, so hemmungslos und eben nicht im Online-Kommentarteil, habe ich noch nie erlebt. Vielleicht weil ich fernsehen verweigere, ich weiß nicht. Natan Sznaider muss eine übermenschliche Kraft aufgebracht haben, um nicht angemessen zu reagieren.

    Seitdem fühle ich mich beschmutzt, es klebt an mir. Und bringt mich dazu zu denken, ach so etwas brauchst du erst, um wirklich zu begreifen.
    Es erniedrigt mich, so etwas subventionieren zu müssen. (Und niemals eine Reaktion auf meine Beschwerden zu bekommen, ist zwar logisch, trifft nicht nur mich und was sollen sie auch sagen, außer der Versicherung, sie seien doch objektiv, nicht wahr…).

    Ich habe Prof. Sznaider eine Mail geschrieben. Es ist mir schwer gefallen, ich tu sowas sonst nicht,. Wenn man vor Zorn fast platzt, ist das auch nicht die beste Voraussetzung. Wo wir in diesem Land angekommen sind, auch wenn es nicht schlüssig klingt, habe ich erst richtig gefühlt, als er mir gedankt hat. Für nix großartiges, für weniger als ein bisschen – eigentlich nur, weil meine eigene Grenze des momentan Ertragbaren überschritten war. Und ich einmal nicht träge sein wollte.

    Manchmal kommt es mir vor, als spielten wir in Endlosschleife Kaufmann von Venedig, letzter Akt.
    Dieses Land ist so rasant so verhetzt geworden. Und ich weiß noch nicht, wem genau ich das nicht verzeihen kann.

  2. elbnah.

    Wer auch immer Du bist, Deine Worte sind berührend, die Tragik, die es behandelt, trägt die Schönheit Deiner Offenheit. Es läßt auf ein reiches Herz schließen.
    Es ist stellenweise auch für mich gut nachvollziehbar, wovon Du schreibst.

    Schön auch, daß Du Natan geschrieben hast.
    Danke. Sei immer gesund!

    A.mOr.

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