Nachtrag 1 zu den Vorfaellen in Umm Al-Hiran


Ueber den Zusammenstoss in Umm al-Hiran vor einem Monat hatte ich hier berichtet.

Ein Wagen raste in eine Gruppe von Polizisten, wobei ein Polizist wurde getoetet und ein weiterer schwerverletzt wurde. Der Fahrer des Wagens wurde erschossen.

Von Anfang an behaupteten die Beduinen, die sich dem Abriss illegal errichteter Gebauede widersetzten, dass der Fahrer keineswegs absichtlich in die Gruppe Polizisten gefahren sei, sondern die Kontrolle ueber das Fahrzeug verloren habe, weil er angeschossen worden war.

Die Polizei leitete eine Untersuchung ein und gestern wurden erste Ergebnisse, aber noch kein abschliessender Bericht bekannt:

Anscheinend wurde tatsaechlich schon auf den Wagen geschossen, bevor er in die Menschen raste. Der Fahrer wurde zum Anhalten aufgefordert, und als er auch wiederholten Aufforderungen nicht nachkam, schoss ein Polizist in die Reifen und ein zweiter schoss auf den Wagen, ohne dass bisher klar waere, ob und wie er den Fahrer getroffen hatte.

Die Familie des getoeteten Beduinen und interessierte politische Kreise forderten schon den Ruecktritt des Polizeiministers. Ein bisschen verfrueht, will mir scheinen.

Der Fahrer machte sich dadurch verdaechtig, dass er trotz wiederholter Aufforderung anzuhalten weiter in Richtung der Polizisten fuhr. Nachdem erst 10 Tage zuvor ein Attentat per LKW in Jerusalem sehr toedlich ausgegangen war, mussten die Beamten den Jeep, der auf sie zufuhr und sich weigerte anzuhalten, als Bedrohung empfinden.

Tatsaechlich scheint es ziemlich chaotisch zugegangen zu sein. Auch auf den Wagen, in dem der leitende Polizeibeamte sass, wurde geschossen.

Ich hoffe, dass der Vorfall noch aufgeklaert werden wird.

Der Polizeiminister reagiert folgendermassen:

Police investigators and policemen on the ground indicated unequivocally that it was a terror attack in which one policeman was killed. These were the findings. No one has an alternative source of information besides the police forces on the ground and I, as a minister who is not at the scene of the incident can only rely on the police; this is how it works and must work in any organized framework and between each government agency and the minister appointed over it.

I always stand behind forces sent on a mission; I stood behind the police who acted there in our name, and so long as there is no objective contradictory finding, it is my duty to continue to stand behind those who work night and day to guard us all and to enforce law and order. As we all sleep at night – they go on difficult and risky missions that require split-second decisions. If every time there is a barrage of criticism against the police from the very entity over which they are enforcing – then the forces will not receive the necessary backing, and there will be no police and there will be no law and order. There is no way the police force can function if the position of the lawbreakers is weighed equally with that of the police. I remind those who have forgotten – the police arrived to enforce the evacuation of illegally constructed houses.

As soon as the internal police ivestigation commenced – I said I would accept its conclusions. Is it possible that errors were made during the difficult and complex incident that happened there? It is possible; certainly, in the midst of a complex situation like the forces on the ground faced. If it turns out that errors were made or that this was not a terrorist attack, then the system definitely has a duty to learn and I will ensure that lessons learned and that which needs to be fixed will be rectified.

However, and this is a crucial caveat – there is no connection between what I wrote above and the forceful and fictitious campaign being waged against me and the police commissioner and the police. The charges against the police as if they deliberately direct violence against Arabs began immediately after the ramming. Arab MKs led by Ayman Odeh, who incited the locals in the months before the incident, produced an extensive public and media campaign the sole purpose of which was to deter the police and me from enforcement against illegal construction. They did not shy away from any inciteful expression against the state and its representatives (their incitement can be found on YouTube). Therefore, friends: It will not help them. I understand exactly what they are trying to do and it will not happen. The law is the law for everybody.

Despite the wild attacks and slanders, I will continue to enforce law and order in all parts of the country and to promote the coexistence and equality in which I believe. The incident at Umm al-Hiran was a difficult event, whether it was an attack or not. The police conclusions, whatever they will be, we will accept and act accordingly. And if it turns out that it was not a terrorist attack, then certainly we should also apologize to his family,

 

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Der Attentaeter von Beer Sheva: Ein Beduine vom Stamm Hura


Die Angehoerigen des Beduinnen Stamms Hura leben in Hura, knapp 20 km von Beer Sheva entfernt und der Ort gilt eigentlich als Erfolgstory.
Update: Anscheinend lebt die Familie des Attentaeters nicht in Hura selbst, sondern in einem nicht anerkannten Dorf neben Hura.

Hura

Hura im Fruehling – jetzt ist das Land braun und beige ohne den huebschen Gruenschimmer.

Wir fahren oft dort vorbei. In Zeiten der Kommunalwahlen fiel mir immer wieder auf, dass sehr viele gruene Fahnen gehisst waren, die an die Hamas-Flagge erinnert, aber fuer die Islamische Bewegung in Israel steht.

Fahnen der Islamischen Bewegung in Israel. Auf den Photos ist der Fuehrer des noerdlichen Zweigs zu sehen, der notorische Scheich Raed Salah oder Saleh

Hamas-Fahne

Die Oslovertraege fuehrten zu einer Spaltung der Islamischen Bewegung in Israel. Der suedliche Zweig unter dem Gruender Abdullah Nimr Darwish unterstuetzte den Friedensprozess. Der noerdliche Zweig unter Raed Salah gesteht dem Staat Israel kein Existenzrecht zu und lehnte den Friedensprozess daher ab. Die beiden Fluegel spiegeln die Mutterorganisation Hamas in verschiedenen Phasen wider: Im Sueden haelt man sich noch an die Zeiten, als Hamas vor allem eine Organisation fuer Wohltaetigkeit und islamische Erneuerung war, waehrend der Norden Hamas in der Entwicklung zur Terrororganisation folgt. Wohlbemerkt hueten sich aber auch die Anhaenger des noerdlichen Zweigs in Israel Anschlaege zu verueben. Man beschraenkt sich auf die Unterstuetzung der Hamas und deren Terroristen.

Ich fuerchte, in Hura gibt es Anhaenger der Islamischen Bewegung, die mit Darwish unzufrieden sind und lieber einen Fuehrer wie Salah haetten. Vor einem guten Jahr, als Hamas in etwa gleichzeitig mit der Entfuehrung und Ermordung von Naftali Frenkel (16, aus Nof Ayalon), Gilad Shaer (16, aus Talmon) und Eyal Yifrah (19, aus Elad) und dem grausamen Rachemord an Mohammed Abu Khdeir (15 aus Ostjerualsem) die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen eroeffnete, randalierten auch einige Einwohner von Hura. Mir hat das damals einen Schock versetzt, weil das Zusammenleben von Juden und Beduinen im Sueden eigentlich gut klappt.

Im Februar diesen Jahres kam es zu einem schrecklichen Unfall bei Lehavim. Auf der damals noch zweispurigen Strasse kam ein Transporter mit einem Bagger einem Bus entgegen. Der Bagger war so geladen, dass die Schaufel ueberstand. Sie schnitt in den Bus und riss 8 Frauen den Kopf ab. Diese Frauen stammten aus Hura und kamen von einem Ausflug zur Al-Aksa-Moschee in Jerusalem zurueck:

The bus was carrying female worshipers who were at Al-Aqsa Mosque in Jerusalem’s Old City as part of an Islamic Movement project. The Islamic Movement’s northern branch organizes daily visits of Israel Arab Muslims to the Al-Aqsa mosque compound in order to increase Muslim presence at the holy site.
The daily buses depart early in the morning and return in the afternoon. The women killed in the crash were returning to their homes in the northern Negev, where many Bedouin towns and villages are located.

Fuer mich war auch das ein Hinweis, dass die anti-israelische Position der noerdlichen Islamischen Bewegung auch in Hura zunehmend Zulauf findet. Die gewuenschte, verstaerkte muslimische Praesenz auf dem Tempelberg hat naemlich mit Andacht und Gebet eher weniger zu tun. Gerade die Frauen werden speziell dafuer eingesetzt, nicht-muslimische Besucher einzuschuechtern, weil die israelische Polizei ihnen gegenueber vorsichtiger hantiert als gegenueber Maennern.

Im Sommer gelang es dem Inlandsgeheimdienst, in Hura eine Zelle des IS zu verhaften, ueberwiegend Lehrer, die auch versuchten, ihre Schueler fuer den Islamischen Staat zu rekrutieren.

Ich fuerchte der Attentaeter, Muhaned Al-Okabi (21) ein Beduine mit israelischer Staatsangehoerigkeit aus Hura, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die extremen Positionen der Hamas und des noerdlichen Zweigs der Islamischen Bewegung in Hura Zulauf finden.

Police arrested one of his family members overnight, who is suspected of having aided him in planning and carrying out his attack.

The terrorist’s mother hails from Gaza, but she was allowed into sovereign Israeli territory after marrying an Arab citizen of Israel as part of the family reunification policy.

Update: Die Fuehrer der Beduinen im Negev verurteilen das Attentat in aller Klarheit, ganz anders als die arabischen Abgeordneten in der Knesseth.

SodaStream & Beduinen


Die Firma SodaStream war Anfang  des Jahres den Schlagzeilen:

Die angeblichen „Pro-Palaestinenser“ zeigten dabei wieder einmal deutlich, dass sie in Wirklichkeit einfach Antisemiten sind. Von ihnen aus sollten Palaestinenser lieber arbeitslos darben als die gut bezahlten Jobs bei SodaStream anzunehmen.

SodaStream baut derzeit eine weitere Fabrik direkt neben der Beduinenstadt Rahat im noerdlichen Negev. Die dort entstehenden Arbeitsplaetze werden zu einem grossen Teil der beduinischen Bevoelkerung zugute kommen, vor allem auch den Frauen, bei denen die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist. Deswegen wird diese Investition auch vom Staat Israel mit 25 Millionen NIS unterstuetzt.

Und wieder zeigen die Israelhasser, dass ihnen das Wohlergehen von Arabern keineswegs am Herzen liegt. ElectronicIntifada moechte auf keinen Fall, dass Beduinen (oder gar Beduinninnen!) eine Chance erhalten, ausserhalb der traditionellen Landwirtschaft zu arbeiten. Dass die rasant wachsende, beduinische Bevoelkerung mit dieser Landwirtschaft nicht zu ernaehren ist, interessiert in dieser Gemeinschaft niemanden. Wenn Israel fuer eine Modernisierung der beduinischen Lebensweise eintritt, dann kann das in den Augen von Israelhassern nur bedeuten, dass es sich dabei um etwas Boeses handelt. Das entspricht der antisemitischen Ueberzeugung von der boesartigen Natur des Juden. Das Insistieren darauf, dass die Beduinen weiterhin ihrer traditionellen Kultur entsprechend leben sollen, weist darauf hin, dass dieselben Personen auch Rassisten sind.

 

 

Hyperventilation – genauer betrachtet


Alle im UN -Sicherheitsrat vertretenen Staaten ausser den USA haben Israel wegen der Erteilung von Baugenehmigungen in umstrittenem Gebiet verurteilt, darunter auch Deutschland.

Die europaeische Erklaerung faselt  von ethnischer Saeuberung:

According to the European countries, „The reported planning in the E1 area would risk cutting off East Jerusalem from the rest of the West Bank and could also entail the forced transfer of civilian population.“

E1 ist bekanntlich ein kahler Huegel. Also machte ich mich auf die Suche, was mit „forced transfer of civilian population“ gemeint sein koennte.

Anscheinend haben Journalisten eine Sippe Beduinen gefunden, die auf diesem Gebiet campen. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelche Journalisten, sondern um das Team  der Webseite +972 Magazine, das  Israel als juedischen Staat ablehnt.

Obwohl dem Verfasser und dem +972 Magazin offensichtlich daran liegt, den antisemitischen Mythos vom Landraub zu bestaetigen, zeigen die Photos zum Artikel, dass es sich nicht um eine dauerhafte Siedlung handelt.

Das ist eine Beduinensippe, die noch immer als Nomaden lebt. Im Jahr 2010 wohnten laut Wikipedia 100 Beduinen in Khan Al-Ahmar.

Im Sueden Israels gibt es genuegend halbnomadische und sesshafte Beduinensippen:

So sieht die illegale Siedlung einer halbnomadischen Sippe in der Naehe von Dimona aus:

Und so sieht es aus, wenn Beduinen in einer legalen Siedlung sesshaft sind:

Der Unterschied ist mit blossem Auge erkennbar, nicht wahr?

Was die Ansprueche der Beduinen auf Landbesitz angeht und wie der Staat Israel damit umgeht, habe ich in einer mehrteiligen Serie beschrieben.

Haette die Jahali-Sippe in E1 irgendwelche Besitzurkunden wie in der Photounterschrift in der New York Times behauptet, so wuerde der Staat Israel den vollen Wert entschaedigen.

Ein aktuelles Beispiel findet sich in H’aretz. Der Tarabinstamm konnte mit Sicherheit keinen Nachweis bringen, dass das Land um Omer ihm gehoerte, er nahm Gewohnheitsrecht in Anspruch. Trotzdem erhielt jede Familie 180,000 NIS Entschaedigung und 1000 Quadratmeter Land an einem anderen Ort.  An dieser Stelle moechte ich daran erinnern, dass die hohen Wohnungpreise die sozialen Proteste im Sommer 2011 ausloesten. Juedische Familien wuerden sich die Finger lecken, so grosszuegig Baugrund und eine Startsumme fuer’s Bauen zu bekommen.

Die WELT hat die anti-israelische Proganda samt Haken geschluckt. Auf einmal werden aus einer Sippe mit ca. 100 Mitgliedern  2010, eine Bevoelkerung von 2500 Menschen, die angeblich seit Jahrzehnten dort leben! Mich hat die Recherche zu diesem Blogeintrag etwa eine Stunde gekostet, wobei ich zugegebenerweise den Vorteil habe, dass ich mich mit der Problematik um die Beduinen schon vorher befasst hatte. Aber haette Philip Kuhn nicht auch ein bisschen mehr Zeit und Sorgfalt investieren koennen?

Wegen derartiger Propaganda von interessierten Parteien und derartiger Schlampigkeit (bzw. willentlicher Blindheit), mit der sie geschluckt wird, warnt nun die EU vor ethnischen Saeuberungen.

Kleiner Nachtrag oder Beduinen V


Wie das so ist mit guten Vorsaetzen: Sie sind dazu da, um gebrochen zu werden.
After 15 years of waiting, first Bedouin town approved

(…)

The establishment of the community will call for the evacuation and compensation of Bedouins currently living in unrecognized communities.

Interior Ministry Chief Arie Bar told Ynet that completing the evacuation-compensation process was crucial to the establishment of the community. „Bedouin representatives from the region took part in the planning stages and have voiced their support for the plan and intention to cooperate with it,“ said Bar.

(…)

MK Talab El-Sana (United Arab List – Ta’al) said he welcomed the council’s decision. „I hope that in the planning of this community they take into account its uniqueness, its nature and the demand for employment,“ he said.

„What transpired here today teaches us that a political struggle can bear fruit when it is backed by the public. A public campaign that has no agenda or leadership to guide it is hopeless – and a political struggle that lacks public backing shares the same fate,“ he added.

(…)

Ich freue mich ueber dieses Zeichen, dass eine Kompromissloesung fuer die Beduinen im Negev gefunden werden kann. Nach Angaben des Ministers unterstuetzt die traditionelle Fuehrung dieser beiden Beduinenstaemme den Kompromiss.

El Sana, der selber Beduine ist, sollte sich an seine Erkenntnis halten, dass politische Ziele in demokratischen Staaten ueber oeffentliche Unterstuetzung erreicht werden. Es waere daher an der Zeit, dass er aufhoert, sich mit den Palaestinenser zu identifizieren, Juden mit Nazis zu vergleichen etc.

P.S. Ich glaube, ich habe ihn missverstanden. El Sana meint wahrscheinlich, dass internationaler Druck auf Israel und nicht die oeffentliche Meinung in Israel die Politik bewegen. Was die gegenwaertige Regierung angeht, duerfte er Recht haben.

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Beduinen IV


Heute moechte ich diese Serie abschliessen.

Wir haben gesehen, dass selbst ernannte Sprecher fuer die Beduinen wie Abu-Ras und Abu-Saad versuchen, die realen Interessensgegensaetze und Probleme zwischen den Beduinen im Negev und dem Staat Israel an den pal.-isr. Konflikt anzukoppeln.

Ich glaube nicht, dass das fuer die Beduinen eine gute Strategie ist.

Die Beduinen sind keine „Ureinwohner“, sie sind es sogar noch weniger als die Palaestinenser. Die Interessen der Palaestinenser und der Beduinen waren sich jahrzehntelang diametral entgegengesetzt und konvergieren auch heute kaum.

Die Beduinen in Israel stammen zum groessten Teil aus dem Hejaz im heutigen Saudi-Arabien. Ihre Verdraengung von dort duerfte vor allem auf den Machtkampf zwischen Hussein von Mekka und Ibn Saud, dem Gruender des heutigen Saudi-Arabiens, zurueckgehen. Die Briten hatten im Machtkampf zwischen den beiden Dynastien auf das falsche Pferd gesetzt. Als Ibn Saud sich durchsetzte, fuehlten sie sich verpflichtet, der unterlegenen Dynastie in ihrem Einflussbereich ein Rueckzugsgebiet zu sichern. So setzten sie zunaechst Feisal (einen Sohn von Hussein) als Herrscher im Irak ein und dann Abdallah (einen anderen Sohn) als Koenig von Jordanien. Waehrend die Hashemitenherrschaft im Irak schnell gestuertzt wurde (die Franzosen, die dort mit den Briten um Einfluss konkurrierten, fuehlten sich der Familie nicht verpflichtet, warum sollten sie?), sitzt inzwischen mit Koenig Abdallah die vierte Generation auf dem Thron in Jordanien. Mit der Herrscherfamilie kamen natuerlich die Staemme, auf die sie ihre Herrschaft gegruendet hatten. Die jordanische Armee besteht noch heute ueberwiegend aus Beduinen und alle Schluesselpositionen der Macht in Jordanien sind mit Beduinen besetzt. Auf diese Weise kann sich die herrschende Elite gegenueber einer Bevoelkerungsmehrheit von Palaestinensern behaupten.

Wir sehen, dass in Jordanien immer noch ein klarer Gegensatz zwischen Beduinen und Palaestinensern besteht, obwohl die beiden Bevoelkerungsgruppen sich zunehmend miteinander vermischen. Als wir auf Hochzeitsreise in Petra waren, vertraute uns unser beduinischer Fuehrer an, dass er Palaestinenser hasse, aber mit einer Palaestinenserin verheiratet sei. Auch die derzeitige jordanische Koenigin z.B. ist Palaestinenserin.

Vor der israelischen Staatsgruendung war der Gegensatz zwischen Arabern und Beduinen auch hier sehr spuerbar. Ansaessige arabische Bauern litten nicht weniger als juedische Siedler unter den Raubzuegen der Beduinen. Noch in einer Studie von 1945 war fuer den Verfasser ganz selbstverstaendlich, dass arabischen Buerger und nomadische Beduinen unmoeglich in einer Kategorie zusammengefasst werden koennen.

Der Ansatz, die „Sache der Palaestinenser“ mit den Anliegen der Beduinen zu verschmelzen, beruht mE vor allem darauf, dass die „Sache der Palaestinenser“ als links-fortschrittlich empfunden wird und dass durch die Sympathie der Weltoeffentlichkeit fuer die Palaestinenser der Eindruck entsteht, sie seien erfolgreich in der Verfolgung ihrer Ziele. Diese selbst ernannten Sprecher gehoeren zur akademischen Elite in Israel. In diesen Kreisen ist marxistisches Gedankengut, vor allem auch die Tendenz durch die anti-imperialistische Brille zu sehen, immer noch weit verbreitet. Ben Gurion Univerisity hat ein geruettelt Mass an solchen Professoren. Ich wuerde daher vermuten, dass die politischen Ansichten von Abu-Ras und Abu-Saad nicht zuletzt aus diesem Zusammenhang stammen. Durch politischen Aktivismus uebernehmen sie mehr und mehr die Rolle als politische Fuehrung der Beduinen. Das duerfte in Konkurrenz zur traditionellen Elite sein, obwohl ich vermute, dass die Professoren der traditionellen Fuehrungsschicht entstammen und so auch ueber ihre Sippenzugehoerigkeit ueber Autoritaet verfuegen. Auch wenn die Professoren vorgeblich eine „eingeborene“ Kultur vor zerstoererischen, westlichem Einfluss schuetzen wollen, sind sie selber schon zu einem grossen Teil ein Produkt eben dieser westlichen Gesellschaft.

Im Gegensatz zu dem mE regressiven Ansatz von Abu-Ras und Abu-Saad steht der Ansatz, die beduinische Gesellschaft zu modernisieren. Dabei wird vor allem eine Verbesserung der Stellung der Frau zentral gesehen und der Weg dazu fuehrt ueber Schulbildung und Ausbildung.

Dabei duerfen wir uns nichts vormachen: So oder so befindet sich die beduinische Gesellschaft im Umbruch. Die romantischen Vorstellungen der „freien Wuestensoehne“ (Laurence of Arabia) gehoeren der Vergangenheit an, waren immer schon mythisch ueberhoeht, und selbst der Mythos sprach nie von freien Toechtern!

Die Beduinen in Israel stehen vor der Wahl, sich entweder dem letztendlich selbstzerstoererischen Kollektiv der Palaestinenser anzuschliessen oder sich in die moderne israelische Gesellschaft zu integrieren (mehr oder weniger, wie wir wissen, gibt es in dieser Gesellschaft sehr viele Subgesellschaften mit ihren eigenen Nischen, Beduinen koennen sich wie Haredim in einer Nische einrichten). Choose life!

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Beduinen in Israel III


Hier habe ich noch einen Artikel aus der Feder eines beduinischen Professors an der Ben Gurion Universitaet in Beer Sheva gefunden. Dr. Ismail Abu-Saad konzentriert sich in seinem Artikel The Palestinian Bedouin Arabs in Israel: Historical Experience and Development Needs for the Future mehr auf die soziale Lage der beduinischen Bevoelkerung.

Der Titel signalisiert uebrigens, dass Abu-Saad wie Abu-Ras Interessenskonflikte zwichen dem isr. Staat und Beduinen in das Muster des pal.-isr. Konflikts pressen moechte.

Die Lage wird so beschrieben:

The family earned income of Bedouin in the towns is about half that of the average family in Beer Sheva, and generally less than half of the national average. Since the average household size in the Bedouin towns is roughly double that of the national average, and the family salary per person (per capita earned income) falls to under 25% of that of Beer Sheva and about 20% of the Israeli average.

Der Vergleich mit der Durchschnittsfamilie in Beer Sheva hinkt an mehreren Fuessen und Abu-Saad geht im folgenden teilweise auch darauf ein. Der typischen Familie in Beer Sheva stehen zwei Einkommen zur Verfuegung, da auch die Frauen arbeiten, obwohl sie in der Regel weniger Geld nach Hause bringen, dazu hat die durchschnittliche Familie in Beer Sheva weniger Kinder als die typische Beduinenfamilie (wo es auch mehr als eine Ehefrau geben kann).

Ein sehr viel passenderer Vergleich waeren die ultraorthodoxen juedischen Familien, die zu einem grossen Teil ebenfalls von nur einem Einkommen leben (dort sind ueberwiegend die Maenner nicht oder nur eingeschraenkt erwerbstaetig) und viele Kinder haben:

Moderate estimates place Israel’s current Haredi population at around 650,000, with more than 50% living below the poverty line. With a high fertility rate (some experts place it as high as 7.6 children per family), Haredim will continue to comprise an increasingly large percentage of the total Israeli population. This, combined with a 60% unemployment rate, means that addressing the Haredi community’s economic crisis is becoming more urgent with each passing year.

Ein Unterschied zu den Beduinen liegt darin, dass die Haredim in der Regel zwar keine saekulare Schulbildung oder Ausbildung haben, aber durch ihre religioesen Studien intellektuell sehr entwickelt sind. Sie koennen durch Fortbildung und spezielle Arbeitsbedingungen (Geschlechtertrennung) wesentlich leichter in den Erwerbsprozess integriert werden.

Wie ich hier schon einmal erwaehnt hatte, ist die beduinische Bevoelkerung in Israel das Schlusslicht bei der Bildung. Ich kann es nicht beweisen, gehe aber davon aus, dass das damit zu tun hat, dass diese Gesellschaft am konservativsten patriarchalisch organisiert ist. Hier hatte ich gestreift, dass gerade in Beer Sheva besondere Foerderung fuer Beduinen existiert. (Dass wir nun schon zwei beduinischen Professoren an der BGU begegnet sind, ist kein Zufall.)

The Bedouin do receive some compensation for these gaps in the form of greater benefits from transfer payments from the government. Child allowances for larger families are larger, but many Bedouin families do not receive them. In Israel as a whole, 98% of children receive child support allowances, but in the Bedouin towns, the proportion ranges from 49 to 92% (Lithwick, 2000). Unemployment benefits should also be higher, but again, their payments are lower than for non-Bedouin.

Das Kindergeld wird nicht nach ethnischer Zugehoerigkeit bezahlt. Bedingung ist, dass 1) das Kind beim Innenministerium registriert wurde und 2), dass die Mutter ein eigenes Bankkonto hat. Der Staat besteht darauf, Kindergeld nur an die Mutter zu ueberweisen. Der niedrigere Anteil von Beduinenkindern, fuer die Kindergeld bezahlt wird, bedeutet daher, dass manche Familienoberhaeupter lieber kein Konto auf den Namen der Frau einrichten, auch wenn sie dadurch auf das Kindergeld verzichten muessen. (Patriarchalische Geselschaft). Aehnlich bei der Arbeitslosenhilfe. Um sie zu bekommen, muss sich der oder die Arbeitslose regelmaessig beim Arbeitsamt melden, einmal in der Woche, wenn ich mich Recht erinnere. Dabei muessen lange Wartezeiten in Kauf genommen werden (wie bei jeder isr. Behoerde). Wer sich das sparen will oder wer seine Frau nicht so lange in der Oeffentlichkeit sehen will, der muss halt auf die Arbeitslosenhilfe verzichten.

Ich sehe im Ansatz von Abu-Saad einen gewissen Widerspruch. Einerseits moechten Beduinen den traditionellen Lebensstil weiter pflegen, andererseits wuenschen sie sich den Lebensstandard von Buergern einer Industrienation. Diesen Spagat koennen nur die arabischen Buerger von oelreichen Staaten schaffen…

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Beduinen IV

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