Malte Lehming: Eingefrorenes Denken


Ein- bis zweimal pro Jahr stossen mir Texte von Malte Lehming so auf, dass ich dazu einen Blogeintrag schreibe. Der Beitrag fuer 2011 ist inzwischen faellig, hat Malte Lehming doch bis dato nur eine Erwaehnung bekommen.

Im Tagesspiegel vom 12.09.11 finden wir seinen Text: Israel hat verloren

Die Ehe- und Scheidungsmetaphern, mit denen Lehming seinen Artikel einleitet, sind unpassend – Israel und die Palaestinenser sind nie eine Liebesheirat oder auch nur eine Vernunftsehe eingegangen – und irrefuehrend: Das Zusammengeworfensein von Juden und Arabern begann nicht vor 44 Jahren mit dem Sieg Israels im 6-Tage-Krieg und der Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens, sondern viel frueher. Ueber die genaue Jahreszahl laesst sich trefflich streiten, vielleicht die Balfour-Deklaration 1917, vielleicht die ausgedehnten Pogrome von 1929 oder lieber die Staatsgruendung Israels 1948?

Lehming schnipselt  die Geschichte ab, weil sie ihm nicht in den Kram passt. Sein Glaubenssatz ist, dass es im Konflikt zwischen Palaestinensern und Israelis um Territorium geht und dass einer friedlichen Koexistenz nichts im Weg steht, wenn Israel einfach ein bisschen zur Seite rutscht und den Palaestinensern einen eigenen Staat ermoeglicht.

Das glaubte eine Mehrheit der wahlberechtigten Israelis vor guten 19 Jahren auch, als sie 1992 eine Regierung waehlte, die umgehend daran ging, mit den Palaestinensern zu verhandeln, worauf Premierminister Rabin 1993 auf dem Rasen vor dem Weissen Haus die Oslovertraege mit Handdruck besiegelte.

Offensichtlich ist Malte Lehmings Gehirn etwa gleichzeitig schockgefrostet worden. Symptomatisch dafuer ist, dass er sich nur an ein Broder Zitat  von vor 20 Jahren erinnern kann.

Fast forward ins Jahr 2011: Die Palaestineser haben immer noch keinen Staat! Jedenfalls nicht im Westjordanland. Der Gazastreifen dagegen ist seit 2005 judenfrei und wird seit 2006 von der Hamas regiert. Hamastan weist viele Zeichen der Souveraenitaet auf – eine eigene Innenpolitik (derzeit mit abweichender Zeitzone), eine eigene Aussenpolitik (Buendnis mit Iran und Hisbollah) inklusive Kriegsfuehrung. Aber offensichltich guckt Lehming dort nicht hin, sondern sieht nur die Westbank:

Was immer noch kein Staat?! Wie konnte das passieren? Und dann setzt anscheinend ein Instinkt ein, denn Lehming versucht an keiner Stelle, diese Frage ernsthaft zu beantworten. Israel hat Schuld!

Es fehlt allein am Willen. Scheiden tut weh. Keiner fügt sich selbst gern Schmerzen zu. Das trifft auch auf jene in Israel zu, die verstanden haben, dass die Fortsetzung der Besatzung ad infinitum eine größere Gefahr für die Identität und moralische Verfasstheit ihrer Gesellschaft bedeutet als deren Beendigung.

Anscheinend bringen nur die Israelis den guten Willen nicht mit, sogar diejenigen, die eigentlich Malte Lehmings Glaubensbekenntnis teilen. Die Palaestinenser strotzen entweder nur so von gutem Willen, oder es ist voellig unerheblich, ob sie etwas wollen und was (kleiner Tip fuer Neugierige: Slide Nr. 43 verraet, wie sie zu Lehmings unkomplizierter Loesung stehen), weil Malte Lehming das viel besser fuer sie entscheiden kann.

Weil nun die Palästinenser nicht mehr länger auf die Einsichtsfähigkeit der besseren Zionisten hoffen wollen, werden sie in der kommenden Woche einen Antrag auf einen eigenen Staat bei den Vereinten Nationen in New York einreichen.

Sicher ist es sehr frustrierend fuer die Palaestinenser, wie sich selbst die besseren Zionisten der Einsicht verschliessen, dass Israel sich doch selber abschaffen sollte.

Natürlich, und das weiß jeder, ist die ganze Sache vor allem symbolisch. Ein UN-Votum produziert keinen Staat, beendet keine Besatzung, schafft keine Gerechtigkeit.

Das sieht Mahmoud Abbas uebrigens etwas anders: Seiner Meinung nach koennte das UN-Votum die Besetzung schaffen. Indem die UN den Staat Palaestina anerkennt, wuerden die Gebiete offiziell besetzt, waehrend sie bisher den Status umstrittene Gebiete haben. Aber geschenkt, wir wissen ja schon, dass Lehming besser Bescheid weiss als irgendwelche Palaestinser und ihr nicht-ganz legitimer Repraesentant und fuer ihn sind die Gebiete auch bisher „besetzt“

Tja, das mit der reinen Wohlfuehlpropaganda wuerden wir Israelis auch gern glauben, haetten wir nicht schon unsere Erfahrungen mit internationalen Zusicherungen gemacht.

Da ist das Beispiel der einseitige Rueckzug aus dem Suedlibanon 2000 und dann Libanon 2006, samt Resolution 1701. Dann gibt es den einseitigen Rueckzug aus dem Gazastreifen 2005 samt Schreiben des US-Praesidenten und dann die Militaeraktion Gegossenes Blei 2008/2009. Eben hartgelernte Lektionen.

Ich schlage Malte Lehming vor, dass er sein Hirn noch einmal schockfrosten laesst. Es muessen nicht wieder 20 Jahre sein, wahrscheinlich kommt der grosse Knall in der Region frueher. Danach koennten wir gemeinsam (b’esrat HaShem!) pruefen, was vom gefrorenen Gedankengut noch brauchbar ist und was doch endlich weggeworfen werden muss, weil voellig verrottet.

Hatz auf Siedlungen


Malte Lehming schreibt im Tagesspiegel:

Der Siedlungsbau ist völkerrechtlich illegal. Kein Jurist von Weltrang bestreitet das.

Ich bin sicher, dass er von der Wahrheit seiner Aussage ueberzeugt ist. Und das ist ein Jammer.

So lange ist 1997 naemlich noch nicht her. Damals erregte die US Aussenministerin Madeleine Albright den Unwillen u.a. von Radio Islam, weil sie trotz insistierendem Nachfragen nicht bereit war, die Siedlungen fuer illegal zu deklarieren. Nun kann natuerlich argumentiert werden, dass Albright selber keine Voelkerrechtlerin von Weltrang war, aber in ihrer Position standen ihr alle Koryphaeen als Berater zur Verfuegung. Und der Punkt war ihr weder gleichgueltig, noch hatte die Clintonregierung ein weiches Herz fuer die Siedlungen, bestand doch auch sie auf einem Siedlungsstopp.

Victor Kocher in der NZZ von gestern ist sich seinerseits sicher:

Die Landnahme ist der Kern des Nahostkonflikts

und die Redaktion, die ja fuer Titel und Untertitel verantwortlich zeichnet, unterschreibt:

Das Ringen zwischen den USA und Israel um einen Siedlungsstopp wirft ein Schlaglicht auf das zentrale Problem der Aneignung palaestinensischen Landes. Alle uebrigen Hindernisse im Friedensprozess wie Widerstandskampf und Terror lassen sich darauf zurueckfuehren.

Das mag man so sehen, nur entsprechen dann nicht Siedlungen in den Gebieten von 1967, sondern jede Existenz eines juedischen Gemeinwesens im ehemaligen Mandatsgebiet dem „zentralen Problem“. Terror, der hier zum Widerstandskampf verniedlicht werden soll, gab es naemlich nachweislich auch schon vor der Gruendung des Staates Israel. Die Pogrome von 1929 sollten eigentlich nicht ganz vergessen sein. Und seither ist weder der „Widerstandskampf“ noch der Terror je eingestellt worden.

Bedenkenswert auch die nicht ausgefuehrte Definition, was „palaestinensisches Land“ darstellt. Auf eine fruehere staatliche Entitaet kann man sich nicht beziehen, pal. Privatbesitz passt auch nicht, da Siedlungen nur sehr selten auf enteignetem Land gebaut wurden. Und im vorliegenden Fall handelt es sich nachweislich um juedischen Privatbesitz. Ob „palaestinensisches Land“ einfach aller Grund ist, auf den Palaestinenser Anspruch erheben?

Victor Kocher und die NZZ Redaktion plaedieren verdeckt fuer die Aufloesung des Staates Israels als einziger Loesung des Nahostkonflikts.

Dass zwei nachweislich falsche Aussagen in zwei anspruchsvollen, deutschsprachigen Zeitungen mit derartiger Selbstverstaendlichkeit vorgetragen werden koennen, weist darauf hin, wie sehr die pal. Propaganda und die anti-israelische Stimmungsmache in Europa schon gekommen ist. Obama scheint doch geschickter zu sein, als ich dachte: Auf die Siedlungen wird eingedroschen, Israel als juedischer Staat ist gemeint. Alle Antizionisten fuehlen sich angesprochen und selbst Menschen, die Israel nicht abgeschafft haben wollen, koennen sich damit identifizieren.

Fuer eine realistischer Einschaetzung, was das zentrale Problem des arabisch-israelischen Konflikts darstellt, verweise ich auf meine Uebersetzung von Bernard Lewis.

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