Was wollen die Palaestinenser?


Seit 2007 habe ich immer wieder mal ueber palaestinensische Umfragen geschrieben, aus denen hervorgeht, dass das palaestinesische Kollektiv Israel nach wie vor nicht akzeptieren kann und Gewalt gegen israelische Zivilisten befuerwortet.

Daniel Polisar hat die Umfragen der verschiedenen pal. Umfrageinstitute seit 1994 systematisch ausgewertet (mit etwas auslaendischen Umfragenergebnissen garniert) und legt in Mosaic seine deprimierenden Schlussfolgerungen vor:

It’s unlikely that a change in Israeli actions will help dampen the situation. A half-century of Israeli restraint at the Temple Mount, for example, hasn’t convinced Palestinians that there is no plan to replace the mosques with a Third Temple.

(…)

In any such effort, the Arab countries with the greatest stake in preserving stability and preventing the further ascendancy of radical Islamic forces in their neighborhood might have a refreshingly constructive role to play (especially Jordan, Egypt, and Saudi Arabia). So might the United States and Europe, which have both an interest in cooling fevers and various diplomatic, political, and financial levers at their disposal. Though Palestinians possess a remarkable capacity to form their own, independent perception of the world around them, they are not immune to the consequences of their actions or to the changing incentives they face. If the U.S. and other Western powers were to begin vociferously condemning violence initiated by Palestinians, to penalize the PA and Hamas until attacks stop, and to ensure that under no circumstances will gains, diplomatic or otherwise, accrue from them, this, too, might exercise a meliorating effect over time.

Tja, schoen waer;s , wenn der Westen einsehen wuerde, dass durch die Unterstuetzung der Palaestinenser nur deren Realitaetsverweigerung befoerdert und jede friedliche Loesung torpediert wird.

Stattdessen erleben wir, dass die EU eine „Kauft nicht beim Siedler“ Kampagne startet, die gesamte demokratische Partei in den USA die Verantwortung fuer den fehlenden Frieden immer noch Israel zuschiebt, und die westlichen Medien dem Schema „Israel = Taeter, Palaestinenser = Opfer“ verhaftet bleiben.

die ausgestreckte Hand


ist eine Metapher, die nicht erst seit Obama, aber seither besonders haeufig bemueht wird.

David Grossman und Amos Oz stehen nicht allein mit ihrem Gedanken, dass Israelis mehr Empathie mit Palaestinensern entwickeln sollten, um auf diese Weise zur friedlichen Koexistenz zu gelangen.

Robi Damelin ist eine Frau, die sich das gesagt sein liess. Vor siebeneinhalb Jahren wurde ihr Sohn David zusammen mit sieben weiteren israelischen Soldaten und zwei israelischen Zivilisten von einem pal. Scharfschuetzen getoetet. Die trauerende Mutter schloss sich dem Elternkreis an: Palaestinensische und israelische Familien, die Angehoerige im Konflikt verloren haben.

Das war ihr nicht genug. Als der Scharfschuetze (da er Soldaten im Dienst toetete, kann er nicht als „Moerder“ bezeichnet werden), vor fuenf Jahren von israelischen Truppen gefangen genommen wurde, entschloss sich Robi Damelin seiner Familie einen Brief zu schicken, in dem sie ihm ihr Verstaendnis und ihre Vergebung ausdrueckte und ihrerseits um Verstaendnis und Sympathie fuer ihren toten Sohn warb:

(…) He was part of the peace movement and did not want to serve in the occupied territories. He had compassion for all human beings and he understood the Palestinians‘ suffering. He treated those around him with respect. David belonged to the officers‘ movement that refused to serve in the occupied territories, and yet, for many reasons, he served when he was called up for reserve duty. (…) I cannot describe to you the pain I have felt since his death. After your son was apprehended, I spent many sleepless nights thinking about what to do: should I ignore the whole thing or try to find a way for closure? I came to the decision that I wish to choose the path of reconciliation.


(…) Er gehoerte der Friedensbewegung an und wollte nicht in den besetzten Gebieten dienen. Er fuehlte Empathie fuer jeden Menschen und er verstand die Leiden der Palaestinenser. Er behandelte jeden um ihn herum mit Respekt. David gehoerte zu der Gruppe Offiziere, die den Dienst in den besetzten Gebieten verweigerten, trotzdem leistete er seinen Reservedienst, als er diesmal aufgerufen wurde, aus einer Vielzahl von Gruenden.(…) Ich kann Ihnen den Schmerz nicht beschreiben, den ich seit seinem Tod empfinde. Nachdem Ihr Sohn gefasst wurde, habe ich viele Naechte schlaflos gelegen und darueber nachgedacht, was ich tun soll: Sollte ich die ganze Sache ignorieren oder versuchen, einen Abschluss zu finden? Ich kam zum Entschluss, dass ich den Weg der Versoehnung einschlagen moechte.

Robi wartete lange Jahre auf Antwort, schliesslich meldete sich der Taeter selber:

(…) I cannot hold a dialogue with someone who insists on equating the criminal and the victim, and on equating the occupation with its victims. This is my response to the letter of Mrs. Robi, and I hereby criticize her sarcastic style when she thinks that with emotional words it is possible to resolve this decades-old conflict.


(…) Ich kann keinen Dialog mit jemandem fuehren, der darauf besteht, den Verbrecher und das Opfer auf dieselbe Stufe zu stellen, die Besatzung und ihre Opfer. Das ist meine Antwort auf den Brief von Frau Robi, und hiermit kritisiere ich ihren sarkastischen Stil, wenn sie meint, mit ein paar emotionalen Worten waere es moeglich, diesen jahrzehntelangen Konflikt zu beenden.

Aber Davids Mutter laesst sich nicht von ihrer Versoehnungsabsicht abbringen. Sie hat ihm einen zweiten Brief geschrieben und ist bereit, die naechsten zwanzig Jahren auf einen Dialog zu verwenden.

Ihr aelterer Sohn haelt sie nicht von diesem Versuch ab, sondern spricht ihr Mut zu:

‚Mom, this is also the beginning of a dialogue.‘

Mama, das ist auch der Anfang eines Dialogs.

Ausdauernder kann man die Hand kaum ausstrecken, wuerde ich behaupten.

Signifikant ist nicht nur die Reaktion des Taeters, sondern auch der Kommentatoren unter dem Artikel in Ha’aretz

Von 29 Kommentaren, unterstuetzen 15 (also mehr als die Haelfte) die Position des palaestinensischen Scharfschuetzen, der sich selber als Opfer der Besatzung und die von ihm getoeteten Menschen als Verbrecher betrachtet. Im besten Fall wird der trauerenden Mutter zugestanden, dass sie ebenfalls ein Opfer der Besatzung ist. Sieben Kommentare (ein knappes Viertel) nehmen eine aequidistante Haltung ein: Sowohl die Mutter wie auch der Taeter bekommen ihr Verstaendnis. Nur 6 Beitraege bringen kein Verstaendnis fuer den Taeter auf.

Symptomatisch scheint mir der erste Kommentar. Der Autor hat sich zynischerweise „David“ genannt:

(…) David`s mother calls it „political“, but it sounds like she`s the one unsure about occupation and she`s making excuses. Ta`er is perfectly comfortable with what he`s fighting for and proud. Does this reveal anything?

Davids Mutter nennt ihn [den Brief des Taeters, RB] „politisch“, aber es hoert sich so an, als ob sie diejenige waere, die sich wegen der Besatzung unsicher ist und sie bringt Entschuldigungen vor. Ta’er ist vollkommen mit sich im Reinen, weiss, wofuer er kaempft und ist stolz. Verraet uns das etwas?

Die Herangehensweise der Mutter wird ihr als Schwaeche ausgelegt. Dass der Taeter ihre menschliche Geste zurueckweist, wird ihm als Staerke angerechnet. Gerade, weil er wie ein Psychopath reagiert, muss er im Recht sein.

Ich wuenschte mir, David Grossman, Amos Oz, Barack Obama etc. liessen es sich gesagt sein. Wer staendig die Hand ausstreckt, signalisiert, dass er bettelt.

Meine eigene Reaktion entspricht uebrigens am ehesten Kommentar Nr. 10, offensichtlich geht es Yisrael Medad nicht viel anders.

Willentliche Blindheit


Close your eyes and I’ll kiss you
Tomorrow I’ll miss you
Remember I’ll always be true

Dieser melodioese Song der Beatles kam mir sofort in den Sinn, als ich folgende Aeusserung unseres Praesidenten Shimon Peres las:

„Peace is a little bit like marriage. You have to close your eyes and accept what is possible to accept,“ Peres said, to laughter and applause.

Ja, wenn zwischen zwei Voelkern Friede herrscht, dann muss man wie in der Ehe manchmal die Augen schliessen. Es lohnt sich nicht, wegen der (schon wieder!) nicht ordentlich in den Schrank verraeumten Tischwaesche einen Streit los zu treten oder auch wegen der (schon wieder!) nicht aus der Badewanne entfernten Haare (equal opportunity offenders).

Aber wenn von Frieden oder von Ehe noch gar nicht die Rede sein kann?! Wer wuerde seinem Kind empfehlen, schon bei der Partnerwahl die Augen fest zu schliessen und stoerende Signale auszublenden? Es soll auch unglueckliche Ehen geben, auch solche, in denen Gewalt bis hin zum Mord herrscht. Muessen die Augen da auch geschlossen bleiben?

Erst vor kurzem sagte Avigdor Lieberman, Israel verhalte sich wie eine misshandelte Ehefrau. Was Peres angeht, sehe ich das inzwischen auch so.

Bemerkenswerterweise fragt er nur nach der Reife Israels

„I think we are mature. We don’t really want to govern another people. It is against our tradition to occupy the lands of others, or to occupy the land where other people are living, which means that we are occupying the people as well as the land.“

und nicht nach der Reife des mutmasslichen Ehepartners. Da wuerde es naemlich duester aussehen.

Wie so manche misshandelte Frau denkt anscheinend auch Peres, dass Israel einfach durch ein Uebermass an Liebe, Verstaendnis und Verzeihen wettmachen muesse, was dem Gegenueber an entsprechenden Gefuehlen und Haltungen abgeht.

Zerbrochener Dialog


Auf der islamistischen Webseite von IslamOnline berichtet ein junger Aegypter von seiner Begegnung mit einem israelischen Maedchen in Daenemark. (hattip Israellycool)

I was outside setting on the coach enjoying the great view of Vallekilde when a girl with a long dark curly hair showed up, she looked at me, I saw the sadness in her eyes, and I felt there is something different about her, but couldn’t know what exactly what it was.

She came towards me, “Hello.. I want to talk to you..” she said, I told to her “Sure.. what do you want to talk about?”, I was really shocked when I heard what she had to say after that, because I didn’t expect that she will come to me and the first thing she had to say is “Do you hate me?”

The first thing that I should be clear about here is to understand and explain what she meant by the terms “you” and “me”, I am a Muslim, Arab and Egyptian young man, and she is an Israeli girl, both of us met for the first time.

Das koennte der Anfang einer Schnulze mit Happy-end oder tragischem Ausgang a la Romeo und Julia werden, je nach Geschmack.

There was something inside of me that wouldn’t let me go, but all other parts of my mind and soul were pushing me in this direction to meet someone from Israel, the people who have several wars with Egyptians. Actually, visiting Occupied Palestine is a dream for all Arabs and Muslims, but someone like me couldn’t have such a chance without having really big problems before and after returning back home with the security departments in Egypt. This is why they don’t give you an Israeli Visa on your Passport, but it will be given in another temporary Passport, and this meeting could destroy my whole career history and also could give me a bad reputation as a person who came closer to Israeli people, and that’s why I can not publish this under my name.

The good thing is that I didn’t have to travel to Israel because the meeting is at a neutral place in Denmark where the “Media For Dialogue” course was held, I also knew there would be a chance to meet Arabs from Occupied Palestine, which meant I would be able to have a close look at the conflict. It’s not just another documentary movie, but I would meet real people, and have the ability to interact with them all, hoping to bring something good out of it. This is how I was thinking and how I make it easy for my self to accept it.

Offensichtlich fuehlt der junge Mann auch eine gewisse Faszination gegenueber Israel. Und natuerlich antwortet er, dass er sie nicht hasst.

I told her “Of course I don’t hate you, but I hate occupation, and you know that our countries had a very bad historical wars against each other, I believe that all humans should live together in peace”. She completely agreed with me like she had the same opinion as mine.

So weit, so gut, was unsere Schnulze angeht. Aber dann geht es so weiter:

I continued “I will be honest and tell you about what I really think because you are not the only one who feels the sadness, but I have also my deep sadness feeling, especially when I think about the future of Egyptians in coming generations. I believe we will have another big war with Israel, maybe it will take some time until this happen, but no one can stop that, recording to prophet Mohammed -peace and blessings be upon him- “The Hour will not come to pass until you fight the Jews..” to the end of the Hadith (mentioned by Abu Hurayrah in: Whole true small number -7,414). This war will be totally religious and All Muslims will be part of it, it’s not the same war that we have now in the Middle East against the Israeli occupation. and this me feel bad some how, because the war will never end between Muslims and Jews. Of course no body wants war but what to do?!

In aller Offenheit erklaert der junge Mann dem Maedchen, dass er sie zwar nicht hasst, dass er aber als Muslim die Verpflichtung zum eweigen Kampf gegen die Juden habe.

Surreal wird es, wo der junge Mann dem Maedchen erklaert, dass er schon in der Schule zum Hass gegen Israel indoktriniert wurde und gar nicht versteht, wieso sie das ueberraschen kann. Er bemerkt selber, dass sie beide offensichtlich auf verschiedenen Planeten leben, aber sein eigener Stern erscheint ihm als das natuerlichste der Welt:

It’s not my fault that I raised holding hate in my mind and bad feelings in my soul to Israeli occupation

Natuerlich ist es nicht sein Fehler, wenn er zum Hass erzogen wurde, sondern derjenige seiner Erzieher. Ein junger, offensichtlich gebildeter Erwachsener sollte aber imstande sein, sich von einer solchen Erziehung zu distanzieren. Das kommt ihm aber gar nicht in den Sinn. Er hat alles verinnerlicht und glaubt daran (siehe den Satz vor dem zitierten). Vielmehr meint er, dass Erziehung zum Feindeshass ein integraler Bestandteil jeder Erziehung sei. Deswegen braucht er gar nicht zu fragen, ob das Maedchen ihn hasst. Er geht davon aus, dass es natuerlich so sein muss.

Uebrigens wird aus dem Text deutlich, dass Besatzung nur das Codewort fuer die Existenz des Staates Israel ist.

Am Fruehstueckstisch heute


sagte mir die Kleine (knapp acht Jahre alt) apropos von nichts, dass sie die Loesung habe: Wir muessen einfach das Land mit den Palaestinensern teilen, dann koennen alle in Frieden leben. Ich antwortete ihr, dass das eine sehr logische Idee ist, die auch seit 100 Jahren immer wieder mal vorgeschlagen wird. Nur scheiterte sie daran, dass die Araber prinzipiell keinen juedischen Staat hier wollen, ganz egal wie gross oder klein.

Die Kleine ueberlegte einen Augenblick und kam dann mit dem naechsten Vorschlag: Wir geben ihnen alles und dann leben wir in Frieden zusammen. Es tat mir leid, ihr sagen zu muessen, dass auch das kein Rezept fuer Frieden ist. In den arabischen Staaten gibt es entweder keine Juden oder sie werden als Buerger zweiter Klasse behandelt. Als Beispiel fuer die fuer uns nicht nachvollziehbare Ablehnung, erzaehlte ich ihr von dem aegyptischen Jungen, der sein Medikament nicht bekommen kann, weil es auf einem israelischen Patent beruht.

Inzwischen war die Grosse dazu gekommen und interessierte sich fuer die Details, wie Medikamente entwickelt werden und was Patente bedeuten. Ich antwortete ihr, aber nach einer Weile fiel mir auf, wie geknickt die Kleine da sass. Sie folgte mir ins Schlafzimmer, waehrend ich mich schminkte, fragte sie weiter, ob es denn keinen Weg gaebe. Ich sagte ihr, dass es manchmal sehr hart sei zu erkennen, dass man selber wenig oder nichts unternehmen kann. Aber es gaebe groessere Entwicklungen, die auch unsere Situation veraendern koennten. Eigentlich hatte ich an den Krieg gegen den Terror gedacht, aber die Kleine interpretierte „groessere Entwicklungen“ anders. Sie dachte an die „starke Hand“, die Israel aus Aegypten herausgefuehrt hat und war getroestet.

Der Verlust eines geliebten Menschen


ist immer ein tiefer Einschnitt. Besonders hart ist er, wenn ein junger Mensch ploetzlich von uns gerissen wird. Seine Angehoerigen und Freunde konnten sich nicht auf den Verlust vorbereiten, wie es bei einer langen Krankheit oder bei hohem Alter geschieht. Am allerschlimmsten ist es wohl, wenn der Tod durch Gewalt verursacht wurde.

Jeder reagiert auf ein solch traumatische Geschehen auf andere Weise. Bei Nurit Peled-Elhanan haben wir eine besonders psychopathische Reaktion gesehen. Sie ist die Ausnahme. Waehrend wir viele Angehoerige von Terroropfern aus den Augen verlieren, so hoeren wir doch in manchen Faellen wieder von ihnen. Die Angehoerigen von Danny und Einat Haran, die von Samir Kuntar brutal ermordet wurden, gaben diesen Sommer zu Protokoll, dass sie einer Freilassung von Kuntar im Austausch fuer lebende Soldaten zustimmen. Wie wir wissen, fand der Austausch gegen Saerge statt. Auch Yitzchak Levy und Stephen Flatow, die beide eine Tochter durch Terror verloren haben, waeren mit einer Freilassung der Moerder einverstanden, wenn dadurch Geiseln gerettet werden koennen. Die angebliche „juedische Rachsucht“ wird nicht bestaetigt.

Die Familie Wachsman hat sich zur Erinnerung an ihren Sohn Nachshon dem Shalva-Zentrum in Jerusalem fuer geistig behinderte Kinder gewidmet. Die Eltern von Koby Mandel haben die nach ihm benannte Stiftung ins Leben gerufen, um den Angehoerigen von anderen Terroropfern zu helfen.

Auch die Familie Khoury will mit ihrem Leid in einer Weise umgehen, die anderen Menschen helfen kann. Ihr Sohn George wurde fuer einen Juden gehalten, als er in Jerusalem joggte und von Al-Aksa-Terroristen deswegen ermordet. Jetzt hilft die Familie, die Uebersetzung von Amos Oz „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ ins Arabische zu finanzieren.

Moege der Ewige sie und alle Trauernden in Zion und Jerusalem troesten.

Angst vor der eigenen Verantwortung


scheint ein verbreitetes Gefuehl in Deutschland und/oder der EU zu sein.

Ueber dieses Thema mache ich mir immer wieder mal Gedanken. Der konkrete Anlass ist diesmal dieser Austausch mit Ridis.

Gerade der irrationale Enthusiamus fuer Obama in linken Kreisen (auf beiden Seiten des Atlantiks) geht mE darauf zurueck, dass Menschen sich nach einem Erloeser sehnen. Das ist eindeutig regressiv.

Ein Kleinkind hat das ideale Bild der perfekten Eltern. Sie sind allmaechtig und allgut (bzw., wo sie es nicht sind, neigt das Kleinkind dazu, sich selbst die Schuld zuzuschieben). In der weiteren Entwicklung erlebt das Kind nach und nach, dass die Eltern nicht perfekt sind. Aus dieser Erfahrung entsteht die eigenen Identitaet.

(hattip Dr. Sanity)

Die Sehnsuch nach der Einheit vom „Grossem Ganzen“ mit dem eigenen Ich bleibt. Das ist der Stoff, auf dem Mythen und Religionen aufbauen. Eine „geglueckte Individuation“ bedeutet aber, dass diese Sehnsucht auf eine ferne Zeit oder einen fernen Ort projeziert wird, waehrend das Individuum gleichzeitig seinen Alltag eigenverantwortlich meistert. Bei weniger geglueckten Entwicklungen ist das viel schwieriger: Solche Menschen suchen bereits in ihrem Alltag nach Figuren oder Anliegen, mit denen sie verschmelzen koennen, um das schmerzhafte Auf-sich-selbst-angewiesen sein zu vermeiden.

Die Obama-Manie an der Siegessaeule als Argument dafuer zu verwenden, dass es keinen muendigen Menschen gaebe und daraus wieder abzuleiten, dass eine demokratische Staatsform eigentlich nicht besser sei als eine Diktatur, ist daher ein Zirkelschluss.

Unter Stress neigen die meisten Menschen zur Regression. ShrinkWrapped stellt daher die interessante Frage, welche existenziellen Bedrohungen denn die Menschen in den westlichen Industriestaaten derzeit zu regressivem Verhaltem veranlassen koennten? (Auch die ploetzlich aufgeflammte Begeisterung fuer Sara Palin bei den Republikanern sieht er als Symptom fuer eine aehliche Erloesersehnsucht.)

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